„Verrückte Zeiten“ #covid19de

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„Verrückte Zeiten“, das sage ich in fast jedem Gespräch. In meinen Lebzeiten habe ich nur ein mal eine Phase noch bewusst in Erinnerung, wo sich der Alltag derart drastisch veränderte in kurzer Zeit. Das war zu Zeiten des Super-GAU in Tschernobyl. Viele machten sich Gedanken, was man noch essen und trinken durfte, oder wann die Wolke über Deutschland sein würde. Manche verließen sogar fluchtartig Deutschland, in der Annahme es wäre irgend wo besser. Und auch die täglichen Nachrichten drehten sich nur über dieses eine Thema: „Tschernobyl, Tschernobyl,“ ….

Heute heißt es „Corona, Corona“. Und wie mans dreht ist es komisch: Wenn man über andere Dinge redet, denke ich: Aber das Andere ist unwichtig. Und wenn man Corona anspricht, denke ich: Oh nicht schon wieder! Das Thema ist vor allem eines: Unausweichlich. Und es verbindet sich mit anderen Themen wie Rassismus:

Es ist nicht lustig. Und trotzdem sind mir jetzt schon mehrere Leute begegnet, die sagen, dass sie das eine tolle Zeit finden, zB weil die Leute mehr Abstand halten oder sie gerade mehr erledigt bekommen als sonst. Meist stehe ich dann da mit offenem Mund und Frage: „Wirklich?“ Ich kenne es eigentlich nur so, dass ich mir selber sagen muss, dass ich doch gerade jetzt vieles anpacken könnte, was ich sonst immer aufschiebe. Aber glücklicher macht mich das so nicht.

Ich finde es eher eine schreckliche Zeit: Angefangen mit den vielen Toten weltweit: Aktuell mehr als 100.000 (Stand 11. April 2020) und es werden sicher VIEL mehr. Bei MERS und SARS waren es DEUTLICH weniger (beide < 800). Bei Ebola waren es immerhin mehr 11.000.

Dann natürlich die Vielzahl an Infizierten und das Schicksal der Helfer*innen, die Angst der Menschen, der Verlust, dann die wirtschaftlichen und finanziellen Schäden, die viele Menschen in Armut treiben werden.

Und dann mag ich das Gefühl nicht, dass man auf die Straße geht und „befürchten“ muss, dass man liebe Menschen trifft und zufällig die Polizei vorbei kommt und schwupps ist man 500 € los. Vielleicht wären Scheuklappen auch ein tolles Mittel für Social Distancing? Ja es gibt auch diesen humoristischen Aspekt der Krise. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Virologen zuhören müssen, wie zur Zeit. Und Statistiken! Da muss man sic glatt selbst mal wieder mit Mathematik beschäftigen, wenn man verstehen will, was da gesagt wird. Oder es gar nachprüfen will. Und dann findest Du heraus, dass das was die Leute da vorne sagen gar nicht zu dem passt, was sie veröffentlichen. Und dann entsteht so ein komischer Knoten im Kopf. Und die Journalist:innen helfen da meist auch nicht, weil die eigentlich nur mit ihren O-Töne abgreifen wollen: Herr Wieler hat gesagt, dass ….

Da rücken Typen in die Öffentlichkeit, wo früher Redaktionen gesagt hätten, den können wir nicht interviewen, der ist zu langweilig. Und überhaupt das Rober Koch-Institut: Wer würde es wagen das anuzweifeln, was sie sagen? Auch wenn sie natürlich erst am 17. März meinten ihre Einschätzung des Coronavirus hochstufen zu müssen. Das was Taiwan zB noch vor dem ersten eigenen Fall im Januar tat (und noch viel mehr).

Dazu empfehle ich diesen Artikel aus der Schweiz, der vieles gut zusammenfasst.

Irgend wie weiß jetzt aber jede Politikerin und jede Journalistin alles besser. Als neulich ein Zwischenfazit aus Heinsberg veröffentlicht wurde dass einige Fragen noch offen ließ und gar noch ein Virologe weitere Fragen hatte, brach der Wahnsinn vollends durch:

Skandal! Wissenschaftler, die nicht alle einer Meinung sind. Unmöglich. Der Bedarf an Harmonie und gleichgerichteter Volksmeinung ist so hoch, dass jede Abweichung oder Zwischentöne zum Problem werden. Wir erleben auch eine zunehmende Verhashtaggung unserer Gesellschaft:

Mich erinnerste das ja an so was hier:

das waren wohl die Hashtags von Damals: #StopptDenKohlenklau

Oder sowas:

Also das Einschwören auf eine zusammengehörende Volksgemeinschaft. Und das geht einfach so mit wenigen Klicks im Deutschland von 2020?

Mi fehlt da das Subversive, das Chaotische, das Widersprüchliche. Man kann über Corona meist gar nicht diskutieren. Es geht nicht mehr um Meinungen, sondern um Haltungen Es geht um Bekenntnisse. Mundschutz Ja oder Nein? Lockerung Ja oder Nein? Es ist keine Zeit für Argumente oder das Abwägen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!

Gleichzeitig grassiert dieser Zynismus mancher Zeitgenossen, die das Corona-Virus nur als eine etwas andere Grippe abtun wollen. Auch hier helfen oft keine Argumente mehr. Zur Zeit lösen sich viele Freundschaften auf. Es gibt mehr Scheidungen, die Distanz zwischen Freund:innen und Familien wächst, ebenso wie die Konflikte. Oft sind es gerade die Whatsapp-Gruppen, in denen es explodiert. Der Staat hält Leute dazu an sich gegenseitig anzuschwärzen und auszuspionieren: Wieviele Leute befinden sich gerade aktuell in der Wohnung meines Nachbarn und vor allem: Sind die überhaupt wirklich verwandt. Vielleicht mal klingeln und einen DNA-Test verlangen? Noch heute sind die Archive der Gestapo voll mit unbearbeiteten Hinweisen der Deutschen, die irgend was beobachtet hatten. Die Nazis waren schlimm, das Volk aber schlimmer. Und die Regierung fördert dieses Denunziantentum mit scharfen Regeln. Kein Gramm Freiheit zu viel, sonst kommt der Virus! Und der scheint es sehr genau zu wissen, wer verwandt ist. Denn offenbar geht man davon aus, dass man sich innerhalb einer Familie nicht anstecken kann. Auch wenn man tausende Kilometer auseinander wohnt sind Besuche unbedenklich. Außer natürlich bei den Risikogruppen wie den „Hochbetagten“ (also alles über 12?). Für diese „Alten“ gibts kaum noch eine Möglichkeit etwas richtig zu machen:

Wenn sie selber einkaufen werden sie schief angeschaut, weil sie damit ja sich und andere gefährden. Aber wenn die Verwandtschaft sie besucht ist das ja auch gefährdend. Am besten gleich in ein Pflegeheim abschieben? Da sind sie dann ja sicher? Aber nein:

Wie mans auch macht, ist es falsch!?

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