Und täglich grüßt die #Reproduktionszahl

Ich bin ja kein Wissenschaftsjournalist, aber es ist schon verblüffend wie viel Aufmerksamkeit die Reproduktionszahl „R“ nach wie vor bekommt.

Zum einen sagt das Robert Koch-Institut (RKI) mittlerweile selber, dass dieser Wert alleine betrachtet „nicht hilfreich„.

Dutzende Artikel sind von verschiedensten Journalisten erschienen um uns endlich ein für alle mal zu erklären, was R ist und warum sie so wichtig ist. Doch alle die ich gelesen habe sind an der selbst gesteckten Aufgabe gescheitert. Peinlich für den Journalismus!

Es hilft bereits ein Blick in den Artikel zur Basisreproduktionszahl in der Wikipedia, um es zu überblicken:

Quelle: Wikipedia

Nun kann man vermutlich verschiedenste Methoden anwenden, um diese drei Variablen: K, q, D zu errechnen.

Die sicherste scheint mir dabei D, die mittlere Dauer der Infektiosität zu sein, da man dies ja direkt an allen Patient:innen feststellen kann und einen Durchschnitt bilden.

K, die Anzahl der Kontakte ist aus meiner Einschätzung zur Zeit sehr schwierig festzuhalten. Es stellt sich da auch die Frage: Was ist ein Kontakt? Ist es bereits eine Begegnung auf der Straße im Vorübergehen? Oder ist es mindestens fünf Minuten im Abstand unter 1,50 Meter im Freien?

q, die Wahrscheinlichkeit der Infektion bei Kontakt. Das hängt auch von vielen Faktoren ab: Welchen Beruf hat jemand, Pflegeberuf oder Homeoffice? Wie lange dauern die Kontakte im Schnitt an? Ändert sich die Länge abhängig von Maßnahmen?

Ich gehe davon aus, dass wir wissen wie viele Kontakte der Durchschnittsdeutsche unter normalen Umständen pro Tag hat. Und über Umfragen kann man sicher auch untersuchen wie sich das Verhalten während der Krise verändert, auch abhängig von Maßnahmen. Die Wahrscheinlichkeit der Infektion basiert sicher einerseits auf dem neuesten Forschungsstand der Infektiosität und andererseits eine Einschätzung darüber wie sich das Verhalten der Menschen ändert.

Da besonders die Kombination aus K und q schwer abzuschätzen ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Werte tatsächlich eher abgeleitet werden und daher nicht direkt die Variablen sind, die in die Berechnung einfließen. Abgeleitet zB aus den gemeldeten Zahlen der Neuinfektionen. Allerdings taucht für mich dann das Problem auf, dass R nicht wirklich ein von den aktuell gemeldeten Zahlen unabhängiger errechneter Wert ist. Die Frage ist dann, welchen Mehrwert er uns jeweils bringt? Wie aktuell ist R?

Zudem ist es so, dass wenn wir statt auf R auf die Unterschiede bei den Neuinfektionen schauen wir eine Abnahme um 0,96 pro Tag seit dem 11. April bis heute haben. Dadurch gibt es heute statt 65.181 nur noch 18.710 Fälle also mehr als 46.000 weniger Infizierte in nur vier Wochen! Das würde bedeuten, dass es bereits in zwei Wochen keine Infizierten mehr in Deutschland geben könnte. Ehrlich gesagt ist mir dann egal, welchen aktuellen R-Wert wir dann haben, wenn es danach kein Corona mehr gibt.

Aber natürlich wird es so nicht sein, denn es gibt viele Heime und Unterbringungen, wo sich das Virus weiter vermehren kann. Und die Besuchsbedingungen wurden in vielen Bundesländern jüngst erst gelockert. Und ob Amazon oder Fleischindustrie oder andere Ausbeuter: irgendwo gibt es immer Bedingungen oder Umgehungen von Hygienestandards, die Ansteckungen begünstigen.

Und natürlich gibt es da noch die Dunkelziffern. Aber für mich gilt es vor allem den Satz im Kopf zu behalten „Der Virus kennt kein R“. Es ist vollkommen egal was wir uns ausrechnen, wenn es sich dann hinterher nicht in realen Zahlen niederschlägt!

Kanzleramtsminister Helge Braun warnte am 4. April: „„Die Zeit mit den höchsten Infektionszahlen liegt noch vor uns“ – Ich weiß nicht, wie er das meinte und es wurde auch seitens der Medien nie hinterfragt. Wir haben seitdem keine Rekordneuinfektionen, aber natürlich sind bisher insgesamt mehr Leute infiziert worden. Weniger können es aber ja eh nicht werden. Seine Aussage muss sich daher auf Neuinfektionen bezogen haben. Boy, was he wrong!

Im übrigen warten wir immer noch auf die versprochenen Medikamente: Edne Februar stellte Herr Wieler in Aussicht, dass es bereits in wenigen Wochen Medikamente auf dem Markt geben würde. „Wenige Wochen“ habe ich mal als unter 10 Wochen gewertet. Die zehnte Woche ist mit dem heutigen Montag angebrochen. Und damit auch das „Versprechen“. Es wird vermutlich bald „Remdesivir“ auf dem Markt geben, aber das scheint lediglich die Krankenhausaufenthalte von Betroffenen zu reduzieren und wie viel es wirklich an Leben rettet bleibt abzuwarten.

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