#CoronaKiel #Lockerungen Warum steigen die Zahlen nicht?

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So locker war Deutschland schon seit Jahren nicht mehr. Es wird Fußball gespielt mit intensiven Zweikämpfen: Aber Vorsicht: Nach dem Tor nicht freuen oder gar die Kamerad:innen umarmen – man könnte sich ja anstecken. Und im Bus bitte 1,50 Abstand. Aber auf dem Feld: Gib Alles!

Und hatte man und am 20. März noch erklärt, dass es keine Alternative zum Lockdown gibt, vor allem bei Gastronomie und Einzelhandel, denn: 15.000 Infizierte waren einfach zu viel, da MUSS man einen Lockdown machen, sonst gerät es vollkommen außer Kontrolle, so gilt jetzt: Die Maßnahmen waren ein voller Erfolg, wir haben ja NUR NOCH 15.000 Infizierte. Also vollkommen andere Zahlen und damit wäre so was wie ein Lockdown nicht mehr vermittelbar. Wir müssen ALLES lockern, let’s Party!?

Wer darauf verweist wird nun zB ermahnt, dass wer kritisiert, dass bereits ab dem 20. März die Zahl der Neuinfizierten sank vergessen würde, das es doch vorher schon Maßnahmen wie Schulschließungen und das Verbot von Großveranstaltungen gab. Und das sich das Verhalten ja auch geändert hätte.

Aber genau das waren ja vor dem 20. März die Argumente von gemäßigten Komentator:innen wie mir: Viele Maßnahmen bis zum 15. März waren richtig, aber der totale Lockdown war unverhältnismäßig. Und an vielen neuralgischen Punkten wie Flughäfen oder Heimen/Unterbringungen wurden zu wenig Regeln durchgesetzt. Und das genau zeigt sich jetzt noch deutlicher:

Das Ausbruchsgeschehen in Pflegeheimen oder in der Landwirtschaft oder der Fleischindustrie oder in Asylbewerber:innenheimen ist nach wie vor nicht unter Kontrolle, weil man Hygienestandards dort viel zu lax handhabt und es im Interesse von Bewohner- oder Arbeiter:innen zu wenig auf gute Arbeits- und Unterbringungsbedingungen achtet.

Aber nun zu der Frage aus dem Titel, die sich seitens der Logik automatisch stellt: Müssten die Zahlen der Neuinfizierten nicht schon länger steigen, wenn der Lockdown dringend nötig war? Mit dem Lockdown meine ich also: Kontaktsperren, Ladenschließungen, Gastroschließungen. Ich meine damit NICHT Schulschließungen oder das Verbot von Großveranstaltungen. Letztere Punkte waren absolut richtig, v.a. die Großveranstaltungen scheinen das Ausbruchsgeschehen extrem beschleunigt zu haben. Ich war gespannt darauf, wie die Politik auf der Sackgasse wieder herauskommt, weil sie sagte man werde das ganze als dynamisches Geschehen beobachten und reagieren, wenn die Zahlen sich verändern.

Was hat sich denn bisher verändert? Die Zahl der Neuinfizierten ging seit dem 20. März stetig zurück. Es konnte kein Einbruch beobachtet werden, der die Wirksamkeit des Lockdowns ( ab 23.3.) bewirkt hätte. Auch der MNS (Munds-Nasen Schutz) war unauffällig in den Kurven. Seitdem gab es nicht weniger Ansteckungen. Die Lockerungen für Geschäfte ab dem 6. Mai sollte sich ab dem 20. Mai niederschlagen. Hier wird man weiter beobachten müssen, was passiert. Ich halte es eigentlich für unausweichlich, dass die Infektionszahlen zumindest lokal wieder ein mal ansteigen. Wir haben jetzt den MNS für Einzelhandel und ÖPNV. Sicher wird der auch die eine oder andere Infektion verhindert haben, viel mehr aber vielleicht psychologisch eine Wirkung haben.

Und heute die Wiedereröffnung der Gastronomien mit Auflagen. Deren Ergebnis dann ab ca. 1. Juni.

Ein Argument besagt, dass es ohne Maßnahmen einfach immer weiter angestiegen wäre und dass ja niemand es besser wusste. Weder die Gefahr am Anfang, dass es überhaupt in Deutschland Thema sein würde. Und dann natürlich, wie es mit den Infektionen weiter gegangen wäre ohne Maßnahmen. Stimmt alles irgend wie. Aber die Diskussion, was denn geholfen hat und was nicht ist essentiell, ja vielleicht das Wichtigste überhaupt. Denn anderweitig bliebe uns jedes mal bei jeder neuen Pandemie oder zweiten Welle sämtliche Maßnahmen zu wiederholen, mit allen Kollateralschäden wie Massenarbeitslosigkeit, Insolvenzen, verschobene Therapien. Wir können nicht wollen immer wieder bei Null anzufangen. Daher ist die Diskussion was wann passiert ist und was uns geholfen hat und was nutzlos war ganz essentiell. Auch der Vergleich mit anderen Ländern kann da helfen.

Ich hatte diesbezüglich ja schon einen Artikel mit dem RKI als Fokus. Was passiert ist, ist glaube ich, dass man sehr wohl über die Gefahren von Pandemien bescheid wusste und sogar Szenarien erarbeitete. Aber man hat nicht wirklich daran geglaubt, dass es uns treffen könnte, auch wenn viele Expert:innen seit Jahrzehnten davor warnten. Und man hat dannin der Frühphase gepokert, dass es weniger Schaden anrichten würde, wenn man gar keine Veranstaltungen absagen würde. Man hätte dann alle Einnahmen und Steuern. Die Leute würden nicht in Panik verfallen oder sauer sein, weil der Karneval ausfiel. Ich habe ausgerechnet, dass wenn wir ähnlich gehandelt hätten wie Taiwan, dass wir dann lediglich rund 70 Tote hätten und nicht 8.000 mit steigender Tendedenz.

Es ist der Politik also beides vorzuwerfen: Sie hat sowohl zu spät und zu lax gehandelt, als auch später zu streng und ungerichtet. Es war vor allem die Politik, die in Panik verfiel. Am Anfang war man noch über den Gedanken empört, Großveranstaltungen wie die Kieler Woche abzusagen:

Auf die Antwort vom Ordnungsamtschef gab es viele Likes aus der Politik. Diese Bürger:innen wieder mal, wissen immer alles besser….

Wenig später wurden in Kiel dann Umzüge verboten, weil man da ja nebeneinander steht:

Wir mussten ja alle schnell lernen und uns umstellen. Zuvor hatte ich auch bereits festgestellt, dass Kiel, anders als propagiert, nicht gut vorbereitet schien. Keine Institution in Deutschland war gut vorbereitet. Ich denke das einzige, was als gute Vorbereitung durchgehen kann, ist das Deutschland anscheinend wenige neoliberale Krankenhausreformen bekommen hat, als es durch die eigene Brille erschien: Ja, die Zustände in Krankenhäuser sind und waren vor Corona unhaltbar. Aber nicht so unhaltbar oder schlimm wie in Italien, Frankreich oder UK! Weil sich zum Glück Gesundheitspolitiker wie Lauterbach nicht durchsetzen konnten mit ihren Plänen von Klinikschließungen. Was uns weniger Tote trotz extrem hoher Infektionszahlen (auf Worldometer Platz 8 von 215, oder umgedreht Platz 208, hinter uns kommen nur noch sieben weitere Staaten!) beschert hat, war eine gewisse Resilienz gegen Reformen, waren linke Spinner in ganz Deutschland, die die Logik der Politik und der Neoliberalen nicht mitmachen wollten. Ein breit aufgestelltes Gesundheitssystem, das jederzeit einsatzbereit ist, rettet in der Pandemie tausende Leben. Aber billiger und effektiver wäre es natürlich gewesen schneller zu reagieren.

Ergo:

  • schnelle und wirksame Maßnahmen auch zulasten einzelner Veranstaltungen und Orte, sowie
  • gut finanziertes Gesundheitssystem, dass bei Pandemien schnell reagieren kann mit höheren Kapazitäten

tragen sowohl dazu bei , dass A) die Zahl der Infizierten extrem gering bleibt und B) Die Zahl der Toten sich enorm verkleinert.

Deutschland war bei B) vergleichweise ganz gut und bei A) eine der schlechtesten Nationen der Welt.

Und im Gegensatz zum Mainstream bewies m.E. gerade Herr Söder da kein gutes Händchen, ebenso wenig wie Herr Spahn. Bayern ist ich nur das Bundesland mit den meisten Infizierten, sondern durch seine schleppende Politik am Anfang auch hauptverantwortlich für die Ausbreitung von Corona in ganz Deutschland. Später hat Söder das mit gespielter Entschlossenheit versucht auszugleichen und es bisher vergessen gemacht, dass er der Hauptschuldige in Deutschland ist mit den schlechtesten Zahlen.

Es bedarf einer weitreichenden Aufklärung und Debatte, wie sich die Pandemie so in Deutschland ausbreiten konnte. Das ist viel wichtiger, als was in China passierte. Das sollen die Chines:innen selber klären oder von mir aus die WHO. Vor der eigenen Tür kehren. Warum haben unsere Expert:innen so versagt? Warum gab es so viele Tote? Was ist aber auch gut gelaufen und was schlecht? Nur durch Fehleranalyse lernt man. Einer offenen und ehrlichen Debatte. Bisher ist die noch nicht in Sicht. Aber immerhin titelte die Tagesschau neulich schon über „Die verlorenen Wochen„.

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