Kiel White #KritischesWeißsein #KritischesAlmansein

Angeregt mal wieder durch Twitter versuche ich mich (als Blogger) an einen Post mit etwas anderer Perspektive:

Meine Posts sind sowie meisten etwas wurschtiger geschrieben, insofern passte das „Ihr werdet Fehler machen, aber try!“ im Thread ganz gut zu meinem Stil oder Einstellung. Aber wo fängt man an? Am besten wohl chronologisch, also mit Eltern und Kindheit. Entschuldigt bitte, dass das noch unsortierter ist als sonst, aber ich hätte sonst noch mehr Arbeit reinstecken müssen und löschen. Und dann wäre der artikel sehr viel später veröffentlicht worden.

Vergangenheit

Ich wohne in Kiel und bin auch dort aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Bayern/Unterfranken, war evangelisch und ist 2011 gestorben, war erst Schlosser bei der Firma Sachs in Schweinfurt, ging dann freiwillig zur Bundeswehr und zur Marine. Sein Vater war auch bei der Marine im 1. Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft (wie ich erst letztes Jahr erfuhr). Während seiner Zeit bei der Marine lernte mein Vater meine Mutter (katholisch) kennen, deren Familie Vertriebene aus dem heute tschechischen Böhmen (Plan bei Marienbad) nach dem Zweiten Weltkrieg waren.

Hierzu ganz interessant: Je nach Definition habe ich damit nach deutscher, allgemeingültiger Definition KEINEN Migrationshintergrund. Siehe dazu auch die Wikipedia:

In Deutschland ist Migrationshintergrund ein Ordnungskriterium der amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die aus seit 1949 eingewanderten Personen und deren Nachkommen besteht.

Meine Mutter ist nach 1949 ausgesiedelt. Hatte ihre Familie zuvor (als „deutsche“ Minderheit) einen Pass der Tschechoslowakischen Republik, dann durch die widerrechtliche Annexion Nazideutschlands zu Reichsdeutschen. Und nach dem Krieg offiziell „Staatenlos“, bis zur Einbürgerung.

Meine Kindheit hindurch habe ich mir denn auch immer Geschichten ihrer alten Heimat anhören müssen. und auch von den Erfahrungen mit den „Reichsdeutschen“ in Bayern auf dem Dorf nach dem Krieg. Der Hausbesitzer, wo die Familie zwangseinquartiert wurde kündigte am Anfang an er würde jetzt die Axt holen, um die Familie zu erschlagen. Für die Deutschen in Bayern waren die Neuankömmlinge schmutzige Eindringlinge aus dem Osten. Dazu kam vielleicht noch, dass die Katholiken hussitisch geprägt waren und damit dem römisch-katholischen etwas entfremdet. Die Kultur des Fremdenhasses und der Ausgrenzung traf eben auf Viele zu damals. Allerdings schaffte es diese Volksgruppe aufgrund weniger sprachlicher Hürden und entsprechender staatlicher Förderung schneller als manche anderen Gruppen später. Aber in gewisser Weise fühlte ich mich durch diese Prägung auch nie 100% hier heimisch.

Meine Mutter arbeitete zeitweise auch in einer amerikanischen Base in Schweinfurt. Ihr Vater war Steinmetz, ihre Mutter Schneiderin. Meine Eltern heirateten in Schweinfurt protestantisch und zogen zunächst dienstbedingt nach Heiligenhafen, dann Eckernförde.

Meine waren zum einen waren inr ihren Einstellung schon sehr konservativ und teilweise auch fremdenfeindlich oder gegen Gleichberechtigung und Feminismus gerichtet. Aber dann oft dennoch gegenteilig oder sogar links.

Ich selbst bin 1971 in Eckernförde geboren und habe eine ältere Schwester. Meine ersten Erfahrungen im Zusammenhang mit Weißsein war vermutlich im evangelischen Kindergarten. Ich erinnere mich, dass wir da ja auch Lieder oder Spiele beigebracht bekommen hatten. Dazu zählten – und ich verlinke das mal einfach ohne es anzusprechen in der Hoffnung da niemanden zu triggern:

Ich denke jeder, der in Kindergärten zu der Zeit gehen musste, hatte diese frühe kulturelle Prägung, die natürlich, wie auch immer da die Interpretation oder Absicht war, Grundlagen für rassistisches Denken liefert. Soweit ich mich erinnern kann, waren alle Kinder weiß und hatten keinen Migrationshintergrund. Aber vielleicht trübt mich da auch meine Erinnerung?

Zur Grundschule habe ich hauptsächlich Erinnerungen an erste Gewalterfahrungen durch andere Kinder. Da gab es einige wirklich aggressive und so war mein täglicher Schulweg und die Pausen in der Schule immer von Angst geprägt. Irgend wie wurde es mit der Zeit aber besser.

Es gab einen Heimatkundeunterricht, der teilweise interessant war, weil man auch was dazu lernte, wie Kiel früher aussah, wie zB die Persianischen Häuser. Wobei jetzt wo ich mich daran erinnere, das gehörte dann ja auch zu einem kolonialen Erbe und Kiel hat sicher profitiert. Nicht zuletzt lese ich gerade bei Kiel Postkolonial), war der Nord-Ostsee-Kanal(NOK) insbesondere zur Förderung der Kolonisationspolitik Deutschlands gedacht. Handel war mir ja klar, aber so prägnant war mir der Kontext zwischen Kolonialismus und dem NOK nicht.

Ich erinnere mich auch, dass mich, wie offenbar die meisten Kinder, Dinosaurier brennend interessierten, und man mir in der Grundschule sagte, das würde später in der Schule kommen. Nun, ich habe nie etwas über Dinosaurier in der Schule gelernt. Evolution ja und als Teil dessen auch Dinosaurier, aber nicht explizit. Fühle mich da heute noch ein wenig betrogen. Am Ende der Grundschulzeit wird man leistungsmäßig eingeschätzt und eine Empfehlung für die weiterbildenden Schulen gegeben. Bei mir kam am Ende Realschule heraus. Blöd nur, dass Freunde aufs Gymnasium gingen, also landete ich auch auf der Kieler Humboldt-Schule (humanistisch). Das war dort schon recht streng. Wenn der Unterricht morgens begann sollten immer alle Schreibsachen schon auf dem Tisch liegen und die Hände flach auf der Tischplatte. Und dann zur Begrüßung aufstehen und „Guten Morgen“ sagen. Wenn ich das Leuten erzähle die gleichaltrig sind sagen sie, dass sie so was schon nicht mehr in der Schule erlebt haben. Diese Schule war also vielleicht ein paar Jahrzehnte hinterher und ich habe so noch ein wenig 50er Jahre mitbekommen. In Grundschule und Gymnasium gab es vereinzelte Schüler:innen mit Migrationshintergrund. So ca. 1-2 pro Klasse. Eine Mitschüler:in im Gymnasium mit Eltern aus Nordafrika hatte sehr unter Hänseleien zu leiden und offenbar auch mit dem Elternhaus, was dann auch zu einem Drama führte, dass ich hier nicht näher ausführen werde. Auf jeden Fall war die Klasse von dem Ereignis tief betroffen und hinterher gab es so etwas nicht mehr.

Den Geschichtsunterricht hatte ich so in Erinnerung, dass er zu 90% aus dem alten Griechenland und Römischen Reich bestand. Also da wo Alexander der Große erobert hatte, so weit reichte unser Wissen Richtung Osten. Afrika existierte (mit Ausnahme vom alten Ägypten und Karthago) eigentlich nur ab dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Da gabs dann solche Art Karten:

British Decolonisation in Africa.png
By The Red Hat of Pat Ferrickt (log) – Transferred from en.wikipedia; transfer was stated to be made by User:Hejsa. Blank map from File:BlankMap-World3.svg . Original text: Brown, Judith (1998) The Oxford History of the British Empire: Volume IV: The Twentieth Century (Oxford History of the British Empire), Oxford University Press, pp. p. 348, Public Domain, Link

Dadurch, dass ich auch mal eine Klasse wiederholte und auf verschiedenen Schulen war (am Ende auf einem Wirtschaftsgymnasium), habe ich vielleicht auch mehr doppelt mitbekommen. Ich fand das separierte Schulsystem auf jeden Fall einfach nur dämlich, weil es mich viel Zeit gekostet hatte und am Ende war ich doch schulmüde und habe lieber den Zivildienst (Ersatzdienst für Wehrpflichtige damals) angefangen, als noch ein mal zu wiederholen und das Abitur zu machen. Das sind halt so Entscheidungen im Leben.

Ansonsten gab es natürlich viel deutsche Geschichte, irgendwelche Schlachten und Kriege, aber alles megaeurozentristisch. Ich erinnere mich zB daran im Wirtschaftsgymnasium gabs einen alten, konservativen Geschichtslehrer mit einer speckigen Kladde, die so aussah, als wenn er seit 30 Jahren das gleiche erzählte. Bei ihm ging es weniger darum Geschichte zu verstehen oder zu hinterfragen, sondern 150 Seiten zu lesen und Sachen auswendig zu lernen. Eines Tages hatten wir ein Kapitel durch und ich hatte neugieriger weise gelesen, was das nächste Kapitel wäre. und da ging es um Sultane und Osmanisches Reich usw.. Darüber hatte ich nie was gehört. Aber dann befahl er uns dieses Kapitel zu überspringen. Und ich meldete mich und fragte: „Warum überspringen wir das?“ Antwort war: „Weil uns das nicht interessiert!“ Aha, pluralis majestatis. Mich hätte es interessiert.

Ich erinnere mich an einen Mitschüler mit asiatischen Wurzeln, der mal zu mir auf dem Schulhof vom Fachgymnasium sagte, dass er glaube, dass er nur deswegen schlechte Noten bekommen würde, weil die Lehrer alle rassistisch wären. Ich habe das damals nicht geglaubt.

In der Realschule hatten wir auch mal einen Fall, wo eine Mitschülerin von heute auf morgen nicht mehr zur Schule kam, weil sie von ihren Eltern zum Heiraten in die Türkei zurück „entführt“ wurde. Wir waren als Klasse damals alle ziemlich geschockt darüber.

Ich erinnere mich in der Realschule an einen Fall, in dem ein schwarzer ehemaliger Mitschüler (aus dem Gymnasium) uns auf dem Schulhof in der Pause besuchte. Er war dort so ziemlich der beste Fußballer, im Gegensatz zu mir. Aber ich stand ihm bei Fußballspielen oft im Weg wenn er aufs Tor schießen wollte, also wählte er mich auch ein mal in sein Team, damit ich ihm nicht mehr im Weg stehe beim nächsten Torschuß 😉 . Jedenfalls wollte er uns besuchen und wir freuten uns. Aber dann kam ein Lehrer und verwies ihn in sehr groben Ton von unserem Schulhof. Ich weiß nicht, was der Lehrer damals dachte, aber ich vermute mal er unterstellte ihm vermutlich, dass er Drogen verkaufen wollte oder so was. Ich erinnere mich daran heute auch noch wie gestern, weil ich es als so ungerecht empfand und die verbale Attacken so krass waren.

Ich erinnere mich auch an eine ältere Religionslehrerin an der Realschule die uns per Dias einen Einblick gab, wie toll das damals war beim Bund Deutscher Mädel. Sie übte zwar generell eine Kritik am Nazireich, aber irgend wie war ihre Message. Das war so nett mit den Freizeiten, dass sie deshalb gerne da mitgemacht hat. Meine Mutter hatte mir da ein anderes Bild vermittelt. Ihr Vater war in der SPD. Er war zu Anfangs hinter die Ostfront versetzt worden. Also da wo die ganzen Verbrechen passierten Angeblich hat Nazideutschland da eher Leute aus den Randgebieten des Reiches hingeschickt, damit die Infos was wirklich passiert nicht nach Kerndeutschland durchsickert.

Nach der Schulzeit habe ich versucht mein Wissensdefizit zu decken und habe ein mal komplett die Geschichte Afrikas von Joseph Ki-Zerbo durchgelesen. Im ZDF gab es einige interessante Filme aus und über Afrika. Darunter der burkinisch-mauretanische Film Sarraounia von 1986 (auf Youtube).

2001, nach den Anschlägen des 11. September ging es mir zum ersten mal so, dass ich im Bus fuhr und auf ein mal Menschen mit arabischem Aussehen anders ansah und auch so was wie Angst entstand. Allerdings viel mir das auch sofort auf und ich konnte damit umgehen und Wochen später spielte das für mich keine Rolle mehr. Aber ich denke viele denken über das, was sie sehen und empfinden gar nicht nach, sondern meinen zu wissen, dass alles was sie denken der Wahrheit entspringt.

Heute

Wie oft ich von linken Leuten in Kiel das N-Wort in den vergangenen Jahren gehört habe, ist unfassbar. Nicht als Beleidigung gemeint, sondern verwendet, weil man meint über dem Rassismus zu stehen und das Recht oder das Privileg zu habe, gerade als Weisser Linker, jedes Wort aus Spaß zu verwenden, wenn es dazu dient den eigenen Punkt zu untermauern.

Ich nehme da auch einen Bruch war: Es gibt hier in Kiel viele Organisationen, die sich um Geflüchtete kümmern, oder einen Runden Tisch gegen Rassismus. Aber bisher war der eigene, ich sage immer „kleine Rassismus“ selten Thema. Man engagiert sich gegen das Sterben im Mittelmeer, aber man macht Rassismus halt daran fest, dass irgendwo Menschen angegriffen oder sterben gelassen werden: Von Europa, von Nazis, vom Staat. Konsens besteht unter Linken, dass Abschiebung unmenschlich ist. Aber sehr selten bis gar nicht hinterfragen die Leute ihre eigene Einstellung und was sie täglich reproduzieren.

In dem Stadtteil Kiel-Gaarden, in dem ich lebe, gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund. Als ich vor 20 Jahren hergezogen bin gab es hier eher Migrant:innen mit polnischen und türkisch/kurdischem Hintergrund, seit 2015 mehr Araber:innen und Afrikaner:innen. Es gibt hier offenbar mehrere Communities und Ebenen, die sich offenbar wenig begegnen. Es ist hier relativ friedlich. Leben und Leben lassen. ich habe damals 2015 hier auch ein Willkommensfest organisiert, als so viele Geflüchtete kamen, weil gleichzeitig auch die AfD stark wurde. Und ich dachte man muss die Leute mehr zusammen bringen. Das Fest war nicht nur für Geflüchtete Es gab Musik, Informationen und Essen und Trinken umsonst. Und alle standen gemeinsam an und aßen gemeinsam auf dem Vinetaplatz. Leider entwickelte es sich nicht so weiter, wie ich es geplant hatte, das nämlich eigentlich die ursprüngliche Truppe aus wenigen weissen Deutschen sich langsam rauszieht und es auch mehr und mehr den Migrant:innen überlassen würde, das Fest zu organisieren. Ich empfand es in den kommenden Jahren als eher befremdlich, wenn weisse Deutsche etwas für Geflüchtete organisieren. Und ich empfand es auch als komisch, als ich realisierte durch die Zusammenarbeit mit der örtlichen türkischen Gemeinde, dass das Verhältnis bzw. die Inklusion der seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund noch genau so im argen liegt, wie die der Neuankömmlinge.

2020 gab es auch den ersten Black History Month in Kiel, den ich sehr spannend fand. Und das Interesse vieler Kieler:innen war auch groß, was wohl auch die Veranstalterinnen überraschte. Aber man hat schon auch gemerkt, dass man zu lange nur nebeneinander her lebt und der Austausch schwer fällt.Weil die Erfahrungen so unterschiedlich sind. Weil es Missverständnisse gibt und seitens der Weissen Unsensibilitäten und Unachtsamkeiten. Und weil man sich auch nicht von heute auf morgen komplett wandeln kann

Den Umgang mit Rassismus sehe ich weniger als etwas, bei dem man anfangen kann, alles richtig zu machen, sondern als einen Weg in eine Richtung. Es ist sehr vergleichbar mit Sexismus. Wir können unsere Prägung nicht so schnell loswerden, aber wir können uns ihrer bewusst machen und „irgend wie“ damit umgehen. Man kann sich ja auch mal entschuldigen.

Mir fällt dazu ein Buch ein über Erziehung, wo der Autor Eltern empfahl, sich jedes mal selbst zu loben, wenn man einen Fehler an sich erkannt hat, damit man nicht in eine Negativspirale rein kommt, in der man sich schämt und dann leugnet. Nein, Fehler erkennen ist gut! Oder bei der Meditation wenn man gedanklich abschweift und merkt, dass man nicht mehr bei der Sache ist: Nicht zu sehr ärgern und wieder zurück zum Thema kommen. Es geht darum zu Lernen!

Ich finde es wenig hilfreich, wenn in der Öffentlichkeit fertige Konzepte verbreitet werden und zu viele Erwartungshaltungen. So richtig tief geht es eher, wenn es keine Tabus gibt für das Infragestellen. Vieles in Deutschland ist ritualisierter Distanzierung nach dem Motto „Rassismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz!“ . Nein, wahrer ist, dass wir eine durch und durch rassistische Gesellschaft sind. Es ist bequemer zu sagen: Der Nazi ist schuld, oder die Tat ist schlimm. Aber dann sein eigenes rassistisches Verhalten nicht in Frage stellen. Weil wir ja auf der richtigen Seite sind? Klar geht es auch darum, gegen echte Nazis Stellung zu beziehen. Aber es geht eben weiter. Und da taugen einzelne Schuldige eher als Sündenböcke, die quasi die Schuld für alle anderen übernehmen. Anders lässt sich auch der NSU-Komplex nicht erklären. Und da hat sich nicht wirklich etwas bewegt in Deutschland.

Soweit erst mal bis hierher. Chaotischer und unstrukturierter als sonst. Zu viel auf ein mal versucht, aber mal ein Anfang. 😉

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