Verkehrswende und Privilegien

Vinetaplatz in Kiel-Gaarden

Da ich mich schon länger mit dem Thema Verkehrswende beschäftige und noch nicht so lange mit dem Thema Rassismus, ist dies mein erster Versuch da einen Zusammenhang zu bilden und Schlüsse zu ziehen.

Zum einen gab und gibt es wenige Untersuchungen zum Thema Migration und Verkehrsmittelnutzung. Bei einer kurzen Suche, habe ich lediglich dies gefunden:

Dabei finde ich den Begriff „Migrationshintergrund“ mittlerweile problematisch, da er eine große Gruppe an Menschen in einen Topf steckt. Dennoch einige Ergebnisse dieser Studie:

  • Menschen mit Migrationshintergrund besitzen seltener einen Führerschein oder ein Auto und sind daher häufiger auf die Füße oder die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Was mit an der Studie formal auffällt ist, das von den Namen und Fotos her gesehen niemand, der daran mitwirkte selber als Migrant:in zu erkennen wäre. Daher ist zu erwarten, dass auch Vorurteile der deutsch-weißen Gesellschaft erheblichen Einfluß hatten.

Mir ist in Kiel aufgefallen, dass eine Mehrheit von Verkehrsaktivisti zu gefühlten (nahezu) 100 Prozent weiße Deutsche ohne Migrationshintergrund sind. Auch im Dialog und Auseinandersetzung mit Verkehrsverhalten, zB dem Rufen von Ordnungskräften wegen Falschparken zB auf Radwegen habe ich Szenen beobachtet, wo es eine klare Rollenverteilung gab zwischen den Betroffenen (zB junge migrantische Gruppe, die sich kurz was zum essen holen wollte) und dem weißen Deutschen, der die Polizei rief, weil der Fahrradweg blockiert war.

In Gaarden gab es ab und an Beteiligungen, bei denen zB Einwohner:innen und/oder Kinder Wünsche äußern konnten. Und dabei wurde auch oft von ALLEN das Auto als Problemfaktor genannt. Und durchaus auch bei Aktionen wie dem 1. Kieler Parklet Tag (den ich selber organisierte) wurde dies zunächst mit Verwunderung und mit Sorge aber durchaus auch unterstützend aufgenommen.

Aber am Ende war die Szenerie der Nutzung einer autofreien Kreuzung doch die, dass nur einige mehrheitlich Weiße sich den Raum Namen, der plötzlich da war. Das mag auch daran liegen, dass das Setting unklar war und das trotz Bekanntmachungen die Nachbarn oft nicht wussten, was da passiert. Ich habe versucht dem ein wenig mit Flyer verteilen entgegen zu wirken, aber leider wurde die Kreuzung dann auch aufgrund der Raumname lieber weiträumig umgangen, obwohl es zB mein Wunsch war gerade für Kinderwägen oder Rollstühle mehr Platz zu schaffen.

Daraus ergab sich für mich dann auch die Erkenntnis: Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Und das um solche Aktionen wirksamer zu machen und tatsächlich Allen mehr Raum zu geben man alles integraler denken muss.

Die Erkenntnisse aus der Studie machen ja deutlich, dass von einem autofreien Stadtteil Nicht-Weiße viel mehr profitieren würden als Weiße. Und das bedeutet auch, dass der defakto-Ausschluss aus dem Mitwirken in Verkehrsinitiativen die Verkehrswende als solches gefährdet ober unmöglich wird. Die wird nicht gelingen, solange sie primär von einer bestimmten, eh privilegierten Bevölkerungsgruppe betrieben wird.

Ich denke zB dass sich aus den Erkenntnissen klar ergibt, dass für eine gerechte Verkehrswende nicht so sehr das Fahrrad, sondern der Fuß gefördert werden muss. Weil zB Frauen mit Migrationshintergrund besonders darauf angewiesen sind.

Wir müssen zudem ja versuchen die Welt als Ganzes zu erfassen, aus Vielerlei Augen. Das bedeutet vermehrt auch aus Sicht von Kindern, Alten, Frauen, Migrant:innen, Nicht-Weißen. Es ist eben nicht für alle Leute gleich.

Privilegien gibt es ebenso für Autofahrende als auch für weiße Deutsche. Die Mechanismen sind die gleichen. Aber es braucht auf der einen Seite mehr Verständnis dafür, dass da auch mehr Raum gegeben werden muss. Für mich war dieser Artikel sehr interessant:

Und daraus ergab sich eine Praxis beim Gehen zu Schauen, wo und wie man geht, wem man begegnet, wie man sich selber verhält, wie sich andere verhalten. Vielleicht lag es auch daran, dass ich seit vielen Jahren mich mit den Theorien von Jane Jacobs beschäftigte und seit 2016 in Kiel die Janes Walks. Da habe ich zumindest gelernt näher hin zu schauen. Aber man sieht ja immer wieder etwas Neues. Oder man lernt dazu. Für Viele Weiße sind Nicht-Weiße zB relativ unsichtbar. Sie nehmen sie nicht war oder nicht als Persönlichkeit ernst. Man hat seine Wege und erkennt seine Leute und umschifft Alles und Alle, die man nicht kennt, insbesondere wenn sie anders aussehen als die eigene Pear-Group.

Ein Schwerpunkt auf Zufußgehen und diese Langsamkeit und Aufmerksamkeit darin kann m.E. auch Ursprung sein für nicht nur eine andere Sichtweise und damit Bewusstsein, sondern daher rührend auch das Wahrnehmen ganz anderer Möglichkeiten. Nicht nur daran zu denken, was man selber als Verkehrsteilnehmer:in braucht, sondern auch das, was Andere brauchen!

Wenn man auf einen Punkt achtet, ergeben sich immer neue Einsichten.

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