Wider dem #Gendern ?

Die ZENRALE INSTANZ für RECHTSCHREIBUNG?

In Schleswig-Holstein gibt es einen kleinen Kulturkampf. Für die einen geht es um Rechtschreibung, für die anderen um Gleichstellung. Die Frage, ob man die Schriftsprache, insbesondere in Schule und (Fach)hochschulen geschlechtergerecht gestalten sollte.

Ich zitiere hier aus einer Petition, die sich gegen die aktuelle Politik der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Karin Prien richtet:

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien hat in Verbindung mit dem Bildungsministerium beschlossen, dass jegliche Art  des Genderns eines Wortes in einer Klausur an Schulen als ein Fehler zählt. 
Dies wird damit begründet, dass die Erlernbarkeit der deutschen Sprache durch die Verwendung gendergerechter Sprache erschwert werde.

Dieser Beschluss ist ein großer Schritt zurück anstatt nach vorne. Er stellt jeden:r, der:die sich bemüht, diskriminierungsfrei zu schreiben, vor die Entscheidung, alle aus unserer Gesellschaft einzuschließen und damit auch einen Fehlerpunkt zu bekommen oder auf diesen zu verzichten, aber dafür auch Menschen und einzelne Gruppen, die sowieso schon oft in unserer Gesellschaft vergessen werden, auszuschließen. Die Berechtigung der Fehleranstreichung ist darüber hinaus fraglich, denn die Lehrkraft kann keine Positivkorrektur vornehmen für das, was der/die Lernende zum Ausdruck bringen und berücksichtigen will, nämlich einen sensiblen Umgang mit Diversität.


Dies steht auch im Konflikt mit Beschlüssen, wie sie zum Beispiel in der Stadt Lübeck getätigt wurden: Die Schulen sind dazu verpflichtet, den Schüler:innen eine diskriminierungsfreie Sprache beizubringen. Zudem kommt, dass jede:r Lehrer:in, die bei der Stadt angestellt ist, dazu verpflichtet ist, Gendersternchen und co. zu verwenden, bei den beim Land angestellten Lehrer:innen wird davon aber abgesehen. Dies sorgt nicht nur für Verwirrung bei den Lehrkräften, sondern auch im Unterricht, wenn in jeder Stunde das Thema anders gehandhabt wird. 

Jedoch ist der komplette Verzicht auf das Gendern gerade bei der jüngeren Generation keine Option, denn das Gendern ist längst ein allgegenwärtiger Teil unserer Lebensrealität geworden und wenn man die Möglichkeit hat, Personen mit einzuschließen, die sich sonst nicht gesehen fühlen und somit Diskriminierung verhindern kann, sollte man diese auch nutzen. 

Der einzige nachteilhafte und auch nachvollziehbare Grund ist der längere Zeitaufwand und die Umstellung beim Sprechen, die einigen schwerfällt. Aber kann dies im 21. Jahrhundert gegenüber allen anderen Punkten wirklich noch Gewicht bekommen? Eigentlich nicht. Niemand sollte zu Diskriminierung verpflichtet sein. 


Deswegen ist unsere Forderung, diesen Beschluss zurück zu ziehen und jedem:r Einzelnen zu überlassen, ob er:sie in einer Klausur gendert, und solange dies eine Prüfung über einheitlich geschieht, nicht als Fehlerpunkt zu zählen.

Nur kurz zur politischen Dimension: Es erinnert etwas an die Politik mit künstlichem Aufregerthema „Schweinefleischverbot“ oder der Kampagne zur Wahl Günthers bezüglich hoher Abstände bei Windrädern. Es ist an sich immer ein Sturm im Wasserglas, den rechtskonservative Politiker:innen veranlassen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie sich auf das beziehen, was angeblich traditionell ist und den Untergang des Abendlandes ankündigen, wenn davon auch nur ein Jota abgewichen wird! Fleischfrei in KITAs? „Dann müssen ja alle Moslems werden?“ Windräder? „Die stehen dann ja überall und niemand kann mehr schlafen!“ Gleichzeitig werden Autobahnen gebaut und sich geweigert Autolärm auszusperren und Millionen Menschen leiden unter täglicher Lärmbelästigung, Feinstaub, Stickoxiden.

Es geht hier eben nicht um bessere Lösungen, sondern um ein WIR gegen DIE, um eine Spaltung der Gesellschaft in auf der einen Seite böse Feministinnen, Moslems und Ökos und auf der anderen Seite die guten Gartennazis, SUV-Fahrer, Sprachwissenschaftler, besorgte Bürger.

Die Wahrheit ist ja aber, dass auch Leute mit SUVs gendern und Ökos auch Sprachwissenschaftler:in sein können. Man versucht irgend eine Linie hin zu bekommen, die spaltet und dann Leute auf die eigene Seite ziehen kann. Ich glaube daher oft nicht ein mal daran, dass das Äußerungen aus Überzeugung sind, sondern man versucht einen Nerv zu treffen, in dem man denunziert. Problematischer wird es dadurch, dass dieser Ansatz vollkommen den Ansatz Lösungen zu finden aufgibt. Es geht nicht mehr darum, wie es weiter geht. Es geht nur noch darum, was gut aussieht.

Und nun zum Gendern einige Argumente, die aus meinen eigenen Überzeugungen kommen. Ich bin also nicht besonders belesen, was die Theorie angeht, ist also eher auf meinem eigenen Mist gewachsen:

  • Wenn es perfekte Gleichstellung gäbe, bräuchten wir kein Gendern. Aber unsere Gesellschaft ist weit entfernt davon, perfekt zu sein!
  • Es kann nicht DIE Instanz für Sprache geben. Sprache gehört uns allen. Das als Selbstdarstellung spricht schon dafür, dass man Sprache nicht verstanden hat!
  • Die Form des Genderns ist einem Wandel unterworfen. Vor einigen Jahren war es noch das Binnen-„i“. Vielleicht wäre es aber schlauer vom Rat der Rechtschreibung sich der Debatte zu stellen anstatt sich zu verweigern?

In der Pressemitteilung des Rates soll geschlechtergerechte alles sein, nur nicht geschlechtergerecht. Wichtiger scheint ihnen, dass das Erlernen des „fehlerfreien“ Schreibens nicht erschwert wird. So als wenn nicht die Sprache ein Werkzeug der Kommunikation wäre, sondern der Zweck der Kommunikation eine fehlerfreie Sprache?

Die letzte Rechtschreibreform hat ja für viel Chaos gesorgt. Da kann man schon an der Kompetenz dieses Rates zweifeln.

Warum überhaupt gendern?

Ohne Gendern keine Gleichstellung, so einfach ist das. Wenn du in der Sprache bestimmte Gruppen oder Geschlechtern nicht gleichbehandelst, sondern als minderwertig oder zweitrangig, dann schlägt sich das auch im Verhalten nieder.

Außerdem unterscheiden wir in der Sprache ja prinzipiell auch zwischen Geschlechtern. Würden wir gar nicht mehr gendern, wäre jeder Mensch ein Mann: Gendern ist also teilweise für uns ganz natürlich. Nur, dass wir es an einigen Stellen bisher nicht oder nicht konsequent machen. Sprachlich unterscheiden wir also zB zwischen Frau und Mann, aber in der Sprache wird das nicht immer deutlich. Da heißt es dann mit dem generischen Maskulimum sind natürlich alle gemeint. Also ich sags mal so: Programmiertechnisch schon schwierig, wenn zB eine Variable kann verschiedene Datentypen haben. Aber wenn ich sage, dass die Variable „Name“ immer den Datentyp „männlich“ hat, aber eigentlich auch „weiblich“ mit gemeint ist, dann läuft das Programm nicht. Man kann dann nicht differenzieren. Es ist einfach falsch. Es muss kenntlich sein, wer gemeint oder mitgemeint ist.

Aus meiner Sicht besteht gar keine große Notwendigkeit, dass Sprache immer gleich ist. Laut Duden ist ja auch „Bohème und Boheme“ das Gleiche. Regt sich niemand drüber auf. Sind aber zwei verschiedene Buchstaben.

Sprache wird immer internationaler und diverser. Das mag einige erschrecken, weil es konservative Werte gefährdet und die Illusion einer einheitlich-deutschen Leitkultur?

Letztlich ist ja der Kern des Argumentes gegen das Gendern „Aber es war schon immer so“. Nun das stimmt nicht. Goethe und Schiller haben ja die deutsche Sprache erfunden und lateinische Vokabeln wie „Diarium“ durch „Tagebuch“ ersetzt. Wandel war und ist also schon immer Teil von Sprache. Es gibt keine neutrale Sprache.

Wir sollten stattdessen offener für Experimente sein und keine Verbote aussprechen, insbesondere wenn das Gendern in Bildung und Wirtschaft längst anerkannt ist. Jetzt Schüler:innen in Ignoranz auszubilden und dafür zu bestrafen, wenn sie sich sprachlich an ihren Vorbildern orientieren ist einfach irrwitzig. Von daher unterstütze ich diese Petition!

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