Eine der Optionen, für die sich die Stadt Kiel bewusst bewirbt sind die Olympischen Sommerspiele 2036 (die anderen 2040 und 2044). Und dies obwohl die Olympischen Spiele 1936 für Deutschland problematisch waren.
Die Stadt Kiel und das Jahr 1936
Man würde also davon ausgehen, dass die Stadt Kiel besonders sensibel ist und sich darum bemüht mit umfassenden Informationen auf ihren Seiten über die Wahrheit von 1936 zu informieren.
Sucht man auf der Seite der Stadt Kiel, wird man aber schwer enttäuscht. Die einzige Seite ist diese:
Dort werden überwiegend begeisterte Stimmen der damaligen Presse zitiert:
Der Führer des Deutschen Seglerverbandes Oberstleutnant a. D. Kewisch rief: „Wind, Wellen und See schweißen Führer und Mannschaft zu einem Willen zusammen…“
EIne historische Einordnung fehlt fast vollkommen. Der Text stammt von Christa Geckeler (1937 - 2014).
Doch weder die Stadt noch die Kieler Segelvereine thematisieren die Gleichschaltung der Vereine ab 1933 – obwohl dies in anderen Städten (z. B. Berlin) dokumentiert ist.“
Ich hatte die Stadt (Stadtarchiv und Stadtpräsidentin) auf diese Seite aufmerksam gemacht und erhielt am 19.1. folgende Antwort vom Leiter des Stadtarchivs:
Danke für Ihre kritische Rückmeldung. Wir freuen uns, wenn die Texte der Erinnerungstage gefunden und gelesen werden. An sich fassen wir diese Texte nicht mehr an. Die Seiten beruhen auf einem abgeschlossenen Projekt, der Text steht auf einem Stand von 2011, die Autorin ist bereits seit 2014 verstorben. Die Problematik, dass diese Texte veralten, ist uns schon begegnet. Es ist aber unmöglich, alle Texte der Erinnerungstage auf einem aktuellen Stand zu halten. Deshalb behandeln wir diese Texte als Online-Veröffentlichung, deren Autorschaft wir klar benennen und die wie andere Veröffentlichungen zitiert und auch kritisch hinterfragt werden kann. Die Alternative wäre nur ein Abschalten der Seiten. Trotzdem schauen wir uns den Text auf Ihre Rückmeldung hin noch einmal kritisch an. Denn wenn dort die Distanz der Landeshauptstadt Kiel zu den olympischen Segelwettbewerben 1936 nicht deutlich genug wird, müssen wir eine Lösung dafür finden. Wir geben Ihnen Rückmeldung, wenn wir zu einem Ergebnis gekommen sind.
Die Antwort des Stadtarchivs offenbart ein strukturelles Problem: Statt Aufarbeitung wird Verharmlosung betrieben (‚Texte nicht mehr anfassen‘).
Nun startet am 9. März aber bereits die Abstimmung. Und es gibt keine neuen Informationen zu 1936 auf den Seiten der Stadt Kiel. Lediglich eine neue Pressemitteilung zu „Kiel kann Olympia“, die wiederum versäumt auf 1936 einzugehen.
Die „Hitleriade“
1936 fand die Premiere eines olympischen Fackellaufs statt.
Die Kommunistische Partei Griechenlands etwa forderte einen Boykott der “Hitleriade” durch die Athleten aus Hellas. Und der kommunistische Jugendverband OKNE beschloss gar, den Fackellauf nach Deutschland zu verhindern. Aktionsgruppen wollten versuchen, die Flamme an verschiedenen Punkten in Griechenland zu löschen. Doch die Polizei bekam Wind von den Planungen, drei Tage vor dem Beginn des Fackel-Spektakels wurden rund 70 Beteiligte festgenommen - damit waren die Pläne durchkreuzt.
Quelle: Der SPIEGEL 2008.
Als Deutschland als Austragungsland 1931 beschlossen wurde, war Hitler noch nicht an der Macht. Es gab dann weltweit Proteste, vor allem in der USA, aufgrund dessen, was bereits über die Verfolgung von Juden bekannt war.
Deutsche Jüdinnen:Juden durften dann auch, entgegen anderslautender Zusagen Deutschlands, nicht an den Wettkämpfen teilnehmen.
„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“
– Heinrich Mann auf Konferenz zur Verteidigung der olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris
1936 beteiligte sich Deutschland bereits am Bürgerkrieg in Spanien um den Putschisten Franco zu stützen. Zu einem Boykott der Olympiade kam es nicht.
Die Eröffnungsfeier am 2. August 1936
Die Schleswig-holsteinische Landeszeitung hob in ihrem Bericht zur Eröffnung am 4.8. fett gedruckt hervor (übrigens interessant, was auf schriftgut-sh.de alles zu finden ist):
denn Segeln bedeutet nicht nur sportlichen Kampf Mann gegen Mann, sondern darüber hinaus Kampf mit den Gemalten der Natur, der See und dem Wind. Diese aber geben unserem Sport seine Eigenart und er ziehen uns zu den höchsten Mannestugenden, Mut und Einsatz aller Kräfte, als letztes auch Einsatz des Lebens! Sie schmeißen Führer und Mannschaft zu einem Willen und zu fester Kameradschaft zusammen.
Die Olympiade und auch die Segelwettspiele hatten für das Nazireich eine hohe propagandistische Bedeutung, wie auch in diesem Artikel deutlich wird.
Interessanterweise behält Olympia seinen Glanz durch die Jahrhunderte hinweg und alle Herrschenden bis zum Oberbürgermeister herab versuchen alles, um bis heute etwas von diesem Glanz abzubekommen.

Jüdische Sportler:innen im Nazireich

Jüdische Sportler:innen wurden in Deutschland ausgeschlossen und verfolgt. Die einzige jüdische Sportlerin, die auf Drängen der amerikanischen Öffentlichkeit und auf Intervention des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) antreten durfte war Helene Mayer, die in Florett die Silbermedaille gewann.
Ob auch Kieler Vereine jüdische Mitglieder verrieten oder ausschlossen, bleibt unaufgeklärt – die Archive schweigen.
Ermordert wurden u.a. diese Sportler:innen:
Brüder Julius und Hermann Baruch
Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow
Nelly Neppach nahm sich aufgrund der Verfolgung nach Depressionen 1933 das Leben
Die Informationen dazu aus der Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“
Kieler Segelvereine in der Nazizeit?
Was passierte in der Nazizeit in den Segelvereinen? Sicher gab es dort auch jüdische Mitglieder. Eine oberflächliche Recherche
Akademischer Segelverein
Im Jahr 1933 wurde die Satzung dem „Führerprinzip“ entsprechend umgebaut. Der Studentenbund forderte die Kasernierung aller organisierten Studenten: Interimsunterkunft in den feuchten Kellern einer Schwanenwegvilla. … Von Kasernengeist liest man allerdings nichts: Abenteuerliche Feste, hochritualisierter Unsinn, das neue Jahr wird mit Bordkanone begrüßt. Tedje Gäthje trinkt mit einem von ihm vorher überwältigten Einbrecher ein Schnäpschen. … Um Politik kümmert man sich nicht weiter. … Das Jahr 1935 brachte seine Schwierigkeiten. Die Wehrpflicht dünnte die Aktivitas empfindlich aus. Insbesondere traf es Bootsführer, das heißt Ausbildende.
Es klingt ein wenig so, als wenn außer ein paar äußerlichen Formalia, die niemand beachtet hat, nichts passierte.
Kieler Yacht Club (KYC)
Auf der Seite zur Geschichte findet man nicht viel:

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass nicht erst 1937 eine Gleichschaltung erfolgte in einem von Marine-Offizieren dominierten Verein von so zentraler Rolle in Kiel.
Segel-Verein Schwentinemünde e.V.
Auch hier gibt es eine seltsame Lücke auf ihren Seiten.
Im Jahre 1931 formierte sich zum ersten Mal eine Jugendabteilung. Aus Ersparnissen und Spenden wurde eine 80 m²-Jawl gekauft und auf den Namen Sventana getauft. Während des 2. Weltkrieges war das Segeln über See verboten.
Ellerbek Wellingdorfer Segelclub e.V. (EWSK)
Hier ein weiteres Zitat von diesem, Verein.
Von 1926 bis 1939 wurde jährlich eine große Regatta mit anschließendem Regattaball veranstaltet und über das Jahr einige andere Feierlichkeiten organisiert. Der Zusammenhalt in der „Fischeransiedlung“ wurde so durch den Ellerbek-Wellingdorfer Segelklub nachhaltig gefördert. Während des 2.Weltkrieges und in der Nachkriegszeit ruhten die Aktivitäten des EWSK
Berichte aus anderen Segelvereinen in Deutschland
Der Joersfelder Segelverein JSC in Berlin zeigt einen Einblick dazu, was vielleicht auch in Kiel praktiziert wurde:
Ein wichtiger Bestandteil der Gleichschaltung der Nazis war die so genannte Arisierung. Auch Sportvereine blieben davon nicht ver- schont. Ab 1937 sollten jüdische Mitglieder ausgeschlossen werden, um eine homogen „arische“ Mitgliedschaft zu garantieren. Die Haken- kreuzfahne durfte nicht mehr auf Booten gehisst werden, auf denen sich ein jüdischer Segler befand. In den Unterlagen des JSC ndet sich ein Brief, der zeigt, wie die Ausgrenzung der Juden begann. Der JSC-Kamerad Helmut Diederich beteiligte sich 1938 mit seinem See- fahrtkreuzer „Elvira III“ am „Fahrtenwettbewerb See“ des Deutschen Segler-Verbandes. Aufgrund seiner herausragenden Leistung hätte ihm ein Preis gebührt. Der Verbandsführer des Deutschen Seglerver- bandes, Oberstleutnant a. D. Kewisch, teilte ihm jedoch mit, dass er trotz der „Spitzenleistung“ keinen Preis bekommen könne, weil seine Frau Jüdin sei. Der Kamerad Diederich nahm diesen Vorfall zum Anlass, Deutschland 1939 zu verlassen und in die USA zu emigrieren
Fazit
Ich will hier niemand was Böses unterstellen, aber es ist schon auffällig, dass die Stadt Kiel und scheinbar alle(?) Segel-Vereine, sich nicht explizit mit der Nazizeit beschäftigen und seltsame Gedächtnislücken von 1933-1945 aufweisen.
Für eine Stadt, die unbedingt 2036 die 100 Jahre Segelolympiade von 1936 wieder nach Kiel holen will ist das absolut inakzeptabel! Keine Ausstellungen, keine einzige Webseite. Nur die Bewerbung will man, das weiß man schon. Es wäre mal interessant da zu finden, was in den Kellern noch lagert. Zum Beispiel was ist aus jüdischen Mitgliedern dieser Vereine geworden? Was war deren Satzung und Praxis? Was passierte nach 1945? Gar keine Aufarbeitung?
Ich habe dazu leider gar nichts gefunden, außer das die Briten zunächst die Clubhäuser des KYC für ihren eigenen Sailing Club nutzten.
Olympiareif ist die Auseinandersetzung nicht und das wäre für mich Grundvoraussetzung, dass man diese Bewerbung überhaupt in Erwägung zieht!

