Kreativwirtschaft

Wirtschaft
Autor:in

Thilo Pfennig

Veröffentlichungsdatum

31. Mai 2026

Schlüsselwörter

Kultur, Kommunale Kulturförderung, Kreativwirtschaft, Kiel, Kiel.Sailing.City, Kreativzentren, Opencampus, KKR, Kultur- und Kreativrat Gaarden

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Vor einem Jahr hatte ich hier bereits kritisch zu den Kreativzentren und Kulturarealen geschrieben.

Nun möchte ich etwas mehr auf den viel verwendeten Begriff „Kreativwirtschaft“ eingehen. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, das in Kiel, aber sicher auch in vielen anderen Städten Kultur oftmals primär durch eine wirtschaftliche Brille gesehen wird:

  1. eine Gleichsetzung von Kunst & Kultur mit Kreativwirtschaft
  2. Kultur als „weicher Standortfaktor“ für mehr Tourismus und für das Anwerben von Fachkräften

Dies erscheint als eine fatale Sackgasse, aber nicht ungewöhnlich im Kapitalismus, das alles danach gewichtet wird, was es für den Markt bringt. Die Marke Kiel, die Marke „Kiel.Sailing.City“

Die Ursprünge „Creative Industries“ 1997 (Tony Blair)

Eine Task-Force der Regierung definierte:

„Activities which have their origin in individual creativity, skill and talent and which have a potential for wealth and job creation through the generation and exploitation of intellectual property.“

Ab den 2000er entwickelte sich in Großbritannien die Kreativindustrie zu den am schnellsten wachsenden Sektoren der Wirtschaft.

Damit einher ging aber auch eine Prekarisierung von Arbeitsplätzen in der Kreativindustrie. Nach wie vor werden die große Mehrheit der Kulturtätigen auch schlecht bezahlt.

Kreativwirtschaft und die Folgen für die Kultur

Auch in Deutschland versuchte man Kreativwirtschafts-Förderung als Erfolgsrezept umzusetzen.

Kultur wurde dann auch in Deutschland zunehmend daran gemessen, ob sie zu mehr Tourismus, mehr Arbeitsplätzen, mehr Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen beitrugen (oder es zumindest versprachen)

In Kiel dann eben die schon beschriebenen „Kreativzentren“. Die Alte Mu, der Anscharcampus und Opencampus primär als Orte für Start-Ups und Förderung der Kreativwirtschaft.

Das rechtfertigte schließlich die Subvention von Millionen in diese Projekte. Nicht etwa die kreativen Freiräume, die nebenbei auch entstanden.

Gleichzeitig wurde gekürzt, wie zB in den Gaardener Kreativtöpfen oder bezeichnender weise bei „Gemeinsam Kiel Gestalten“.

Kultur und Kunst kommen zunehmend unter den Druck, dass sie sich bezahlt machen sollen. Auch bei dem Kultur- und Kreativrat (KKR) gibt es Förderung nur zu diesen Bedingungen:

Einen besonderen Hebel zur Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt es neuerdings für den Stadtteil Gaarden. Der dort ansässige Rat für Kultur- und Kreativwirtschaft (KKR) erhält auf Beschluss der Ratsversammlung zunächst bis 2021 jährlich 50.000 Euro, um diesen Wirtschaftszweig gezielt zu unterstützen. Ungefähr die Hälfte der Summe soll unmittelbar an entsprechend tätige Betriebe oder Einzelpersonen ausgeschüttet werden.

Das heißt, das Geld geht nicht DIREKT an Kunst- und Kultur, sondern nur an Soloselbständige und Betriebe der Kultur- und Kreativwirtschaft. Nicht den Aufbau von kultureller Infrastruktur. Die Förderung wurde individualisiert. Kulturinstitutionen können keine Gelder bekommen. Einen Ausweg aus der Prekarisierung bieten diese Töpfe aber genau so wenig wie einen Anschub für Kultur in Gaarden.

Der zweite Gaardener Topf, für interventionische Kunst ist projektgebunden, es get um partizipative Kunst im öffentlichen Raum. Das heißt aber auch, das Geld verpufft in seiner Wirkung nach Beendigung des Projektes. Natürlich können die Projekte dennoch auch eine nachhaltige Wirkung entfalten, aber sämtliche Investitionen und Anschaffungen werden ebenfalls individualisiert, das heißt sie müssen von jedem:jeder Künstler:in immer wieder neu angeschafft werden.

Einzig die institutionelle Förderung setzt da auf eine gewisse Nachhaltigkeit. Allerdings scheint es in Kiel kein Kulturkonzept zu geben. Es gibt Anträge und Förderungen, aber zB scheint es keine Idee davon zu geben wo Kultur oder Kunst etabliert werden sollte. Aber genau das sollte ja Aufgabe des Staates sein. Im Effekt führt das dazu, dass primär gut etablierte Institutionen das meiste Geld erhalten. Aber was kommt dann wirklich an Kultur unten bei den Zuschauerinnen im Stadtteil an? Wie ist es mit der Bezahlbarkeit von Kulturveranstaltungen?

Vieles an Förderungen über Kulturtöpfe ist inzwischen eine versteckte Wirtschaftsförderung und lässt eine Nachhaltigkeit vermissen. Es gibt viele Mitnahmeeffekte. Problematisch ist eben diese Gleichsetzung von Kreativwirtschaft mit Kultur. Lediglich Häuser wie die Kunsthalle oder die Bühnen der Stadt Kiel müssen keine Gewinne erzielen. Für alle anderen gilt eher das Gegenteil: Irgend wann soll das Geld dann schon zurückfließen, so die Erwartung.

So sind Förderungen oder auch Gagen für Soloselbständige in Kiel häufig nicht viel mehr als Almosen. Hohe Erwartungen und wenig Stundenlohn ist hier eher die Regel. Und das gilt sowohl für die Kieler Woche als auch bei der Projektförderung.Viele Künstler:innen weigern sich daher weiterhin bei der Kieler Woche aufzutreten, da sie es eher als Ausbeutung verstehen. Zwar ist Kultur in aller Munde, aber das große Geld kassieren andere - dann eher auch die Top-Stars bei der Kieler oche. Am liebsten ist sowieso das Ehrenamt. Am besten kostenlos für die Stadt Kiel.

Perspektiven

Die Lösung kann nicht darin bestehen, Kultur noch stärker an wirtschaftliche Kriterien zu knüpfen. Vielmehr braucht es einen Perspektivwechsel: Kultur muss als öffentliches Gut verstanden werden, das Raum für Experiment, Kritik und Gemeinschaft bietet - unabhängig von ihrer Marktfähigkeit. Kiel hat die Chance, hier voranzugehen. Doch solange Fördergelder an Bedingungen geknüpft sind, die Kultur in die Logik der Verwertung zwingen, bleibt der Anspruch einer lebendigen Kulturszene eine leere Hülle. Es ist Zeit, die falsche Gleichung zu durchbrechen: Kultur ist mehr als Kreativwirtschaft. Sie ist der Ort, an dem wir uns fragen, wer wir sind - und nicht, was wir wert sind.

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