Keine Angst vor Niemanden?

Demokratie
Veröffentlichungsdatum

20. Juli 2026

Schlüsselwörter

ZDF, Danger Dan, Igor Levit, Nazis, AfD, Kunstfreiheit, Zensur, Bevölkerungspolitik, Migration

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ANGST

Also ich das Video des Liedes „Keine Angst“ zum ersten mal sah und den Text hörte fiel mir auf, dass der Text und der Titel nicht übereinstimmten.

Hier das Video und weiter unten ein Teil der Lyrics:

Video

Lyrics

Ich zitiere hier mal nur einige Passagen


[Refrain]
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

[Strophe 2]
Ruf erst mal ein, zwei Leute an, den’n du vertraust
Auf die man sich verlassen kann und macht ein Treffen aus
Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat
Kein Gründungsdatum und auch kein Verein oder so’n Quatsch
Redet mit Bars und Kneipen, fragt, ob die für ’nen Abend
Räumlichkeiten für ’ne Party gegen Nazis haben
Ladet eure Freunde ein, ein kleines Festival
DIY, Eintritt frei, sammelt auf Spendenbasis Geld
Mit dem Geld, das ihr verdient, kauft ihr Dosen, um zu sprüh’n
Kauft ihr Aufkleber und Marker, sorgt dafür, dass jeder sieht
Ihr habt kein’n Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt
Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras
Nie ohne Handschuh, nie ’n Fingerabdruck hinterlassen
Und erst recht nie film’n und niemals ein Foto davon machen
Von Aktion’n nur den’n, die selbst dabei waren, erzähl’n
Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame
Ihr braucht Regeln für die Kommunikation
Nicht nur Nazis und Konsorten, die in eurer Gegend wohn’n
Auch die Sicherheitsbehörden werden sich schnell intressier’n
Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier’n
Das bedeutet, keine DMs, keine Messenger und Mails
Alles, was verboten sein könnte, immer Face-to-Face
Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil’n
Und wenn sie euch erwischen, redet nicht mit ihn’n
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Danger Dan
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Danger Dan
Keine Angst

Textinterpretation

Der Text handelt ausschließlich von Angst. Er will Angst machen und beschreibt Techniken, die man anwendet, wenn man ANGST vor Überwachung hat. Insofern sollte der Song vielleicht besser “ANGST!” heißen. Ich höre darin sehr wenig Hoffnung. Im Grunde ist das ein “Antifa 101” für konspirative Gruppen und für Arbeit im Untergrund. So wie das überall in Deutschland Antifa-Gruppen praktizieren und wie man bei einer einfachen Google-Suche sehr schnell findet.

Auffällig ist auch, worum es nicht geht in dem Lied: Es geht NICHT gegen einen Rechtsruck, es geht nicht darum öffentlich (und mit dem eigenen Namen) gegen Rechts aufzutreten. Es ist keine Kritik an Merz oder der aktuellen Bundesregierung, keine Kritik an Abschiebepolitik und Asylrechtsverschärfung. Und es geht auch nicht um ein Verbotsverfahren gegen die AfD. Es geht auch weniger um die AfD als um “echte Nazis”, also die, deren Namen nicht bekannt sind und die selbst im Untergrund tätig sind.

Diese Anleitung taugt wohl für 99,9% der Bundesbürger:innen nicht. Und ist wohl auch den wenigsten wirklich ans Herz zu legen. Nazis und Rechte haben auch Angst vor der Antifa. Weil die Dinge wissen, die nicht bekannt werden sollen. Ich glaube die Angst ist gar nicht so sehr vor körperlicher Gewalt, sondern vor dem Licht der Öffentlichkeit.

Insofern ist vielleicht gute Antifaarbeit und guter Journalismus nahezu identisch. ZB als Beispiel der Correctiv-Recherche zusammen mit Greenpeace zum Potsdam-Treffen. Das ist sozusagen auch eine Art antifaschistischer Aktion.

Was fehlt in Deutschland?

Momentan fehlt es für meinen Geschmack aber mehr an einer gesellschaftlichen Debatte und auch entsprechender medialer Begleitung. Wir haben beim letzten Bundestagswahlkampf eine totale Verengung auf die Migrationsfrage. Das hat dann AfD und CDU/CSU befördert und einen grünen Kanzler Habeck verhindert.

Seitdem ist die Migrationsfrage offener und rechtlich unsicherer als je zuvor. Siehe FR vom 17.7.2026:

Den bisherigen Gerichtsentscheidungen zufolge, unter anderem zweimal durch den Bayrischen Verwaltungsgerichtshof, verstoßen die Grenzkontrollen gegen EU-Recht.

Gleichzeitig leider Deutschland darunter, dass es zu wenige junge Menschen gibt, die in das Rentensystem einzahlen. Und auch Fachkräfte fehlen. Das wäre alles mit mehr Migration lösbar. Stattdessen hat man eine Stadtbild-Diskussion losgetreten, ein Klima der Angst und Unsicherheit. Lieber schiebt man ab, als die Verfassungsmäßigkeit der AfD zu überprüfen. Weil der CDU dann doch der Nazi von Nebenan lieber ist, als ein afghanisches Kind, das nur deutsch spricht und einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft beitragen könnte … wenn man es lassen würde. Aber lieber sinnlos abschieben in einen Unrechtsstaat, gegen den man vor nicht all zu langer Zeit noch Krieg geführt hat. Und dann hektisch abgezogen ist mit dem festen Versprechen Menschen aufzunehmen. Aber da wird man lieber wortbrüchig und holt Terroristen der Taliban-Regierung ins Land, die dann hier daran arbeiten können Kritiker:innen und Feminist:innen zu verfolgen.

Es geht also nicht um eine besser oder gerechte Gesellschaft. Die Merz-Regierung ist sichtbar im Reifegrad der 80er Jahre stehen geblieben, vor der Maueröffnung. Und man möchte die Uhr zurück drehen zu einer Zeit, die man noch verstanden hat, wo Straßenecken an den Wegen des Merz zur Arbeit noch so aussahen, wie er sich Deutschland vorstellt. Und es gab auch weniger Veganer:innen, kein Web und keine Menschen mit Migrationsgeschichte als Ministerpräsidenten. Die Welt war aus Unionssicht also noch in Ordnung, das Feindbild klar und die Kohlregierung übernahm das Ruder.

Heute haben wir Stadtteile, in denen die Mehrheit der Einwohner:innen nicht mehr wahlberechtigt sind, oder aus EU-Ländern in Osteuropa stammen und andere Vorstellungen vom Zusammenleben und Prioritäten haben.

So wie Merz geht es aber auch eben großen Teilen der (alternden) Bevölkerung. Man versteht die Welt nicht mehr. Man will endlich wieder rassistisch sein können ohne das jemand meckert. Und dazu werden alle Hebel genutzt bis über das rechtlich zulässige hinaus. Und Psychotherapie? Braucht doch keiner, einfach abschieben und unter den Teppich kehren. Klimapolitik? Haben wir früher auch nicht gemacht. Wenns warm ist, einfach Fenster aufmachen. So wie früher.

Das Einzige wo man alles auf den Kopf stellen möchte ist bei Digitalisierung, KI und Totalüberwachung. Da ist man nicht sehr konservativ oder zurückhaltend. Hier soll dann gelten: Je mehr, desto besser, auch wenn IT-Systeme zusammenbrechen und es Massenentlassungen gibt.

Es gibt überhaupt keine kritische Diskussion zur Bevölkerungspolitik. Irgend welche Rezepte werden einfach umgesetzt, egal ob es was bringt. Einfach machen. So als wenn Gut Gemeint schon Gut Gemacht wäre. Und die Medien sind aktuell so unkritisch wie nie. Seriously, Jens Spahns Leihmutterdebatte ist DAS Aufregerthema schlechthin? Nicht das ich ihn verteidigen will, aber ausgerechnet hier? Nicht wegen Maskendeals und maximaler Unfähigkeit?

Und was ist mit dem neuen Heizungsgesetz? Das wird trotz mancher kritischer Stimmen auch nicht richtig diskutiert. Das heißt politisch drehen wir uns im Kreis. Da hatte Habeck ausnahmsweise recht, dass Politik ja nicht daran vorbei kommt, irgend wann Lösungen für bestehende Probleme zu präsentieren.

Und die Menschen warten auf die Debatte und sind Orientierungslos. Nur die AfD bietet da einfache Antworten. Und mit jedem Aufschieben und jedem Skandal schieben SPD und CDU ihr neue Stimmen zu. Weil man sich weigert etwas zu lösen. Wir sollen schon froh sein, wenn CDU und SPD überhaupt irgend was beschließen. Bitte nicht nach dem Sinn fragen oder Kritik üben. Und schon gar nicht Klimawandel thematisieren.

Das ZDF

Wochen vor dem Auftritt lag der Text des Liedes vor. Weder die Intendanz noch die juristische Abteilung hatte Einspruch gegen den Auftritt eingelegt. Was da hinter den Kulissen passierte ist bisher unbekannt. Vielleicht wird es ja geleakt. Erst kurz vor dem Auftritt wurde das Duo Levit und Danger Dan ausgeladen und damit der maximale Schaden für alle Beteiligten erzeugt.

Inzwischen gibt es eine Pressemappe des ZDF online.

Interessant dabei, dass es zwei verschiedene Statements gibt. Das erste vom 16. Juli lautet wie folgt:

Der Künstler Danger Dan war in die 100. Ausgabe von “Die Anstalt” eingeladen, die sich mit dem Themenkomplex der wachsenden politischen Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie auseinandersetzt. Im Rahmen der Sendung waren sowohl die Performance seines neuen Liedes “Keine Angst”, das sich mit dem Thema ‘Widerstand gegen Rechtsextremismus’ befasst, als auch eine sich daran anschließende diskursive Befassung damit geplant. Der Text des Liedes kann allerdings als Aufruf zu Gewalt verstanden werden. Ein solcher Aufruf stünde im klaren Widerspruch zu den Programmrichtlinien des ZDF. Im Zuge der Sendungsvorbereitung ergab die intensive redaktionelle Bewertung, in die auch die Geschäftsleitung des ZDF involviert war, dass dieser Widerspruch im Anschluss an die mehr als siebenminütige Live-Performance auf der Bühne nicht aufzulösen war. Vor diesem Hintergrund hat sich das ZDF dazu entschieden, sich zeitnah dokumentarisch-journalistisch mit dem Lied von Danger Dan zu befassen und an einer anderen Stelle im Programm aufzuarbeiten.

Das Statement vom 17.7. war dann etwas differenzierter

, dass der Text des Liedes als Anleitung zum politischen Extremismus verstanden werden kann, der Selbstjustiz propagiert und rechtswidrige Taten und Gewalt nicht ausschließt.

Schon etwas seltsam für einen Sender der an jedem Tag in Krimis Mord und Totschlag propagiert, zB am Samstag in der SOKO-München-Folge, wie man einen Menschen mit einer Gartenschere umbringt. Und einem Sender in dem wir ständig mit rechtsradikalen Propaganda der AfD überschüttet werden die zum Umsturz der Demokratie aufruft?

Man kündigte eine Aspekte-Folge zum Thema an:

Hier wird das Thema und der Ablauf kaum beleuchtet. Warum war der Text für das ZDF wochenlang kein Problem? Und warum schreibt man zu einem Auftritt, den man verbietet nach wie vor im Konjunktiv? “verstanden werden kann” ?

Bei einem Verbot gibt es kein Konjunktiv mehr. Da kann es keinen Interpretationsspielraum mehr geben. Wenn man sowohl die Kunstfreiheit negiert und schlimmer noch: Satire, dann muss es sich eindeutig um einen Aufruf zu direkter Gewalt handeln. Ansonsten gilt abzuwägen welcher Schaden größer ist.

Jede Entscheidung gegen etwas ist auch immer eine Entscheidung für etwas Anderes: In diesem Fall sagt das ZDF zwischen den Zeilen: „Im Zweifelsfall ist uns die Abschaffung der Demokratie und die Verfolgung Unschuldiger weniger wichtig als die Verhinderung eines Liedes, dass man unter bestimmten Umständen auch falsch verstehen kann und das sich eben gegen das Ende der Demokratie wendet. Im Zweifelsfalle stehen wir an der Seite der Demokratiefeinde“

Und dann gibt es noch einen Artikel in eigener Sache vom 18.07.:

“Keine Angst”: Warum das ZDF keinen Gewaltaufruf sendet

Es geht hier nicht darum, dass die Anstalt einen Beitrag inhaltlich nicht bringen wollte, sondern, dass die Leitung des ZDF einen bereits geplanten Beitrag verhinderte und damit inhaltlich in die Show eingriff und das alles weil:

Das Verbreiten des Liedes hätte eine angemessen kritische Einordnung und Distanzierung von den problematischen Inhalten in der Sendung und in angemessener Länge erfordert.

Also eine Satire-Sendung kann nicht kritisch sein? Auch wenn eine Diskussion dazu geplant war?

Interessant ist, dass das ZDF am 18.7. nun glasklar behauptet es hätte sich um einen klaren Gewaltaufruf gehandelt. Etwas das eigentlich alle Jurist:innen klar verneinen.

Ist das Zensur ?

Viele sagen: NEIN, ich sage ja. Weil das ZDF eine staatliche Institution ist und so der Staat mit seiner Macht in das Programm eingriff um einen kritischen Beitrag zu verhindern. Es ist das, was zB in Orbans Ungarn passierte und gerade vermehrt in den USA. Und was zu erwarten ist, wenn die AfD in Sachen-Anhalt an der Macht ist.

Es handelt sich hier um staatliche Zensur eines Staatssenders als vorauseilender Gehorsam. Ich vermute, dass die Kernüberlegung die war, dass das ZDF sich keine Blöße geben will: Lieber verzichtet man auf kritische Inhalte, als den Anschein zu erwecken, als würde man per se “gegen die AfD sein”. Darum ja auch die ganzen Softball-Interviews mit der AfD. Bei der hat man keine Bedenken ihr einen Raum zu bieten ihren Rassenhass zu äußern.

Es fehlt hier seitens des ZDF ausreichende Transparenz um zu erläutern, warum man intern die Meinung geändert hat. Ich hoffe, dass es da noch eine Aufarbeitung geben wird. Und irgend wer muss für diese Fehlentscheidung auch die Verantwortung übernehmen.

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