
Auf Mastodon kommentierte ein User die Grafik sehe aus, wie ein ausgestreckter Mittelfinger. Keine große Analyse, aber vielleicht näher an der Wahrheit als manch längerer Kommentar nach der Wahl.
Eine Katastrophe, die vom Himmel fiel?
Am meisten verwunderten mich Kommentare aus Parteien und Presse, die „geschockt“ oder „erschüttert“ waren. Dabei kann man gut auf Wahlrecht.de nachlesen, dass die AfD seit Mai 2026 Wahlumfragen bei über 40 Prozent war. Mich macht das wütend, weil das Ergebnis alles andere als nicht-vorhersagbar oder überraschend war. Stattdessen wird das ganze eher als „Katastrophe“ geframet. Und damit als etwas das über uns oder vom Himmel gefallen ist. Solche Kommentare und Einschätzungen sind das Letzte, was wir jetzt brauchen. Und da möchte ich gerne mit dem Finger auf fast alle Parteien und Medien zeigen.
Die Zutaten für den Wahlsieg der AfD
War es die Bundespolitik? Nur zum Teil. Denn die Umfrage der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sind in den Umfragen heute noch sehr anders. Zwar hat hier die AfD auch immerhin 35 Prozent und könnte auch am Wahlabend mehr einfahren, aber die SPD hat hier stark aufgeholt und hätte auch das Potential für eine Wahlsiegerin.
Ich halte es auch für einen großen Fehler, ausgerechnet nach einem AfD-Wahlsieg die Reformen auf Bundesebene in zweifel zu ziehen. Der Zeitpunkt dafür, wäre VOR der Landtagswahl gewesen. Was die Koalition im Bund jetzt bewirkt, wenn sie nun die Bundespolitik ändern will ist, dass sie zwischen den Zeilen sagt. „ Die AfD hatte immer recht und es wr richtig, dass ihr sie statt uns gewählt habt“
Natürlich ist die Bundespolitik aktuell falsch. Aber eher, weil sie keine Probleme löst und sowieso viel zu sehr der AfD hinterher läuft. Zum Beispiel die Allianz gegen Bezieher:innen von Bürgergeld/Grundsicherung. Die geht eigentlich von reichen Leuten aus, die den Neid schüren zwischen Mittelstand und Armen. Teile und Herrsche. Lass doch die Leute unten sich doch gegenseitig bekriegen. Das erodierte den gesellschaftlichen Zusammenhang und trieb viele Wähler:innen zur AfD oder zur Linkspartei, je nach Präferenz.
Und mit dem Thema Migration ist für etablierte Parteien kaum ein Blumentopf zu gewiesen. In kaum einem Land konnten Regierungsparteien ihre Versprechungen erfüllen mit Abschiebungen und Intoleranz. Ob UK oder Spanien oder Italien, alles struggeln damit, Erfolge vorzuweisen und sich damit einer Kritik zu entziehen.
Bevölkerungspolitik muss auch auf Fachkräftemangel und eine generelle schrumpfende Bevölkerung eingehen. Ich habe heute Philipp Amthor gehört, der unter anderem der AfD ihre Äußerungen in der Öffentlichkeit vorwarf und damit Deutschland spalten würden. Dazu viel mir dann ja auch wieder die leidige Stadtbild-Diskussion ein, die Kanzler Merz gestartet hat. Ziel dabei war es, Deutschland zu spalten. Was sonst?
Die wirtschaftliche Lage im Bundesland kann es aber nicht sein , auch das die ostdeutsche Allgemeine vermutet:
Auch bei Wahlkampf und Öffentlichkeitsarbeit blieb Schulze immer weit hinter Siegmund zurück: Mit gut zwei Millionen Followern auf Instagram, Facebook, TikTok und X erreichte Siegmund gut 100-mal mehr Menschen online als Schulze. Als Mega-Influencer glichen seine Marktplatz-Auftritte folglich Autogramm-Stunden eines Pop-Stars. Schulze dagegen verschliss sich mit Haustür-Wahlkampf und ließ die digitalen Medien schleifen. Zudem bekam Siegmund absichtlich oder unfreiwillig kostenlose PR durch den Spiegel und andere westdeutsche Empörungsmedien. Diese Schützenhilfe aus dem Westen fehlte Schulze.
Der wichtigste Grund aber: Die wirtschaftliche Lage im Land ist schlecht. Im Osten ist sie schon mal schlechter als im Westen. Und in Sachsen-Anhalt kriselt es besonders: Seit Jahren sinkt das Bruttoinlandsprodukt in Sachsen-Anhalt. Die Arbeitslosigkeit steigt entsprechend an und liegt mittlerweile in manchen Landkreisen wie Mansfeld-Südharz bei über zehn Prozent. Dazu kommen nochmal Tausende von Menschen, die sich im Weiterbildungskarussell der Arbeitsagentur befinden.
Zum Vergleich: In Kiel liegt die Arbeitslosenquote bei 8,3 Prozent (Quelle Arbeitsagentur), in Sachsen-Anhalt bei 8,2 Prozent (Quelle Arbeitsagentur).
Die Wahlergebnisse und Trends sehen aber sehr unterschiedlich aus. Ich denke es sind eher gefühlte aber auch reale Unterschiede beim Einkommen und Vermögen und insgesamt zu einem Neidgefühl. Ich sehe auch die Migrationsdebatte und auch Debatten um Transferleitung als eine abzuleitende Empfindung, die sich nicht primär aus Rassismus oder Klassismus speist, sondern aus einem gefühlten Verlust von Privilegien, auch noch aus der Wendezeit.
Das ist zum Teil gerechtfertigt, auch belegt durch die Einkommensunterschiede. Allerdings wählen auch viele Menschen mit höherem Einkommen die AfD. Und sie wird ja auch von manchen Millionären und Unternehmern gestützt. Da vermischen sich dann wohl die Motivationslagen.
Und die AfD bemüht sich auch nicht darum, Menschen ihre Projektionen auszureden, was die AfD ggf. für sie tun würde. Manche Erwartungen sind ja auch gegenläufig und das Programm der AfD wird selten gelesen, vielleicht sogar mehr von den Gegner:innen als den Wähler:innen der AfD.
Wie weiter?
Wenn man die Reaktionen aus Presse und Politik hört, wird man pessimistisch und es ist zu befürchten, das wieder genau die falschen Schlüsse daraus gezogen werden. Nein, wir brauchen keine neuen Ideen und Bündnisse. Wir haben eine offen rechtsextreme Partei. Wir haben dafür Gesetze und damit die passenden Werkzeuge, um dieser Gefahr zu begegnen.
Trotzdem war es nicht (alleine) die Bundesregierung oder die Reformen. Jetzt WEGEN der AfD alles hinwerfen, wie das scheinbar die SPD möchte, halte ich für eine sehr fatale Entscheidung. Die Regierungen sollen versuchen gute Politik zu machen und das vertreten und nicht die falsche Politik, diese dann gegen jede objektive Kritik verteidigen und dann zusammenzuzucken, wenn die Verfassungsfeinde ein mal gewinnen.
Und die Medien sollten die AfD als das behandeln, was sie ist und sie nicht mit Sommerinterviews oder Titelbildern hofieren und für sie Werbung zu machen. Helfen werden auch keine Massendemos. Sie geben vielleicht ein gutes Gefühl geben unter gleichgesinnten zu sein, aber es gibt auch eben die, die nicht mit laufen und anders denken. Solange die Politik so tut, als sein Migration das größte Problem und der AfD nach dem Mund redet, wird sich nichts ändern. Und auch nicht dadurch, dass man eine Energiepolitik macht, die zurück in die Vergangenheit führt. Zur Zeit erleben wir nichts Halbes und nichts Ganzes, die progressive Teile der Wirtschaft ausbremst und viele Betriebe zurückwirft. Auch durch das ganze Hin und Her.
Dieses Land wie auch jedes Bundesland bräuchten eine moderne und weltoffene Politik, die Probleme offen benennt und dort handelt, wo es nötig ist. Und nicht Politik just for Show.
Ich befürchte aber, die aktuelle Koalition ist vollkommen unfähig eine bessere Politik zu machen. Das nicht als Beleidigung, sondern real, sie tun das beste, was sie können und denken. Dabei allerdings auch immer ihre Lobbys mitgedacht. Aus CDU und SPD wird keine echte Klimapolitik kommen. Das können und wollen die nicht.