Am 15. April wurde eine Absichtserklärung zwischen der Bundeswehr und der Stadt Kiel unterzeichnet über den beabsichtigten Rückkauf des ehemaligen MFG51-Geländes (Holtenau-Ost). Bisher gibt es keinen Euro-Betrag, den Kiel von der Bundeswehr für den Deal bekommen würde. Der Deal ist sehr interessant, aber nicht unter Dach und Fach, wie es vorher für April in Aussicht gestellt wurde.
Meine Kritik an dem Projekt und „Neubau-Gentrifizierung“ haben ich in diesem Artikel zusammengefasst: Neubaugentrifizierung in Kiel
Das größere Gelände in Holtenau (Voßbrook) wird bereits ab 1914 als Flughafen genutzt. Der benachbarte Nord-Ostsee-Kanal wurde bereits 195 eröffnet. Das Flughafengelände wurde mit dem Aushub des Kanals verfüllt. Der NOK ist auch heute noch die meistebefahrendste künstliche Wasserstraße der Welt. Holtenau und die Wik waren von der Entwicklung Kiels, die man weder ohne Aufrüstung und Marine noch ohne die Weltkriege denken kann immer zentrale Stadtteile. Holtenau eben auch als eine Schnittstelle zwischen Wasser und Luft.
Das Erbe Kiels und Krieg in Europa
Das gilt natürlich auch insgesamt für Kiel: Man kann nicht auf der einen Seite stolz auf Kiel sein und gleichzeitig Weltkriege und Kolonialismus ausblenden. Kiels relativer Reichtum und Wachstum und somit auch überhaupt die Existenz auch von Holtenau und Wik, wie wir sie heute kennen, war eng mit einer militärischen und kolonialen Entwicklung verknüpft. Und wie es gerade aussieht, holt Kiel dieses Erbe ein. Die Sicht auf Russland hat sich vor allem in Europa erst so richtig nach dem neuerlichen Überfall auf die Ukraine 2022 verändert. (Natürlich kann man ähnliches auch über die USA sagen.)
Nach der Annexion der Krim 2014 wurde Russland nicht mehr zur Kieler Woche eingeladen. Die Aufgabe des MFG5-Geländes durch die Bundeswehr erfolgte in der Periode des 2. Kabinetts Angela Merkels (Union/FDP) unter dem Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Man sah sich trotz der Aggressionen Russlands noch in einer Entspannungsphase und wollte lieber Bundeswehrgelände monetarisieren. Ziel war es, die Streitkräfte effizienter, flexibler und kostengünstiger zu gestalten. Die Truppenstärke wurde heruntergefahren. Aber ab 2014 setzte dann ein Umdenken ein. Unter dem großen Überbegriff Zeitenwende aber erst unter Bundeskanzler Scholz 2022 kam es zu einer Umkehr der bisherigen Strategie.
Interessant fand ich aber die Einlassungen in der Debatte der Ratsversammlung nach dem Bekanntwerden des LOI. Denn von der Linkspartei bis zur CDU waren sich alle einig, dass aus ihrer Sicht die Russen „nicht vor der Tür stehen“. Ich würde da eher sagen wir befinden uns mitten in einem hybriden Krieg. Es gibt sicher aktuell keinen Plan des faschistischen Russlands für einen Großangriff, aber man wird dort aktiv, wo es geht. Und das gilt vor allem überall dort, wo es Schwachstellen bei Staaten gibt. Putin ist selbst noch Kalter Krieger und eben auch ehemaliger Geheimdienstler. Im Falle der Ukraine sah er eine Chance, ggf. das ganze Land militärisch auf ein mal zu übernehmen. Anderswo werden einfach mal Grenzbojen geklaut und Grenzen getestet. China verfolgt in Asien eine ähnliche aber noch viel aggressivere Strategie. Wir haben bereits einen realen Krieg in Europa in der Ukraine. Und ich finde es schon erstaunlich, wenn Kieler Ratsleute heute noch meinen, dass es diesen Krieg nicht gibt, oder wir damit rein gar nichts zu tun hätten. Die Geschichte wird sich nicht auf die gleiche Weise wiederholen. Aber bestimmte Playbooks lassen sich schon immer wieder einsetzen, wie dies offenbar gerade in Estland versucht wird (n-tv):
Seit mehreren Wochen verbreiten prorussische Kanäle im Internet die Idee einer Abspaltung der Region Ida-Viru von Estland und die Ausrufung einer sogenannten Volksrepublik Narwa. Die in sozialen Netzwerken geteilten Inhalte bestehen aus einer Mischung aus Internet-Memes, Katzenbildern und provokanten Witzen. Es finden sich auch Aufrufe zu Sabotageakten sowie Forderungen nach einer Bewaffnung der Bevölkerung.
Estland ist einer dieser Schwachpunkte. Was würde es denn für Deutschland bedeuten, wenn Estland wieder von Russland besetzt würde? An sich gilt dann Artikel 5 des NATO-Vertrages. Aber wollen wir dann immer noch sagen: Das hat mit uns ja (noch) nichts zu tun? Mein Punkt ist der: Leider steckt Kiel mitten drin in dem Puzzle der internationalen Konflikte. Gerade auch insbesondere die Ostsee. Auch wenn man gerade das Gefühl hat, dass der Buckelwal Timmy unsere größte Sorge ist?
Lassen sich Konflikte militärisch lösen? Nein. Aber können wir uns der militärischen Logik ganz entziehen? Auch nein. Und das ist auch der Grund für ein Umdenken der Bundeswehr (und vieler Länder und Parteien in Europa). Viele ehemalige Sowjetrepubliken haben dem Frieden wortwörtlich schon länger nicht getraut und dem Westen seit Jahren Naivität vorgeworfen. Das Zeitenwende nicht nur ein Schlagwort bleiben wird, sondern sich irgendwann real niederschlagen wird, war stark zu vermuten. Und das es insbesondere wichtige Standorte des Militär besonders betreffen wird auch.
Aber doch nicht die Wik?
Wenn man ab und zu in der Nähe des Anscharparks ist, zB in dem Laden „Tante Suse“ (Biosk = Bio Kiosk) konnte man in den letzten Jahren verstärkt die Präsenz von Marinesoldat:innen beobachten. Oftmals an Uniform oder weissen Hemden zu erkennen. Daher habe ich schon seit Jahren vermutet, dass die Marine die Wik bei ihren zukünftigen Plänen nicht außen vor lassen wird. Ich fand es daher auch etwas komisch, dass jetzt viele „völlig überrascht“ waren, dass auch Teile der Wik wieder der Bundeswehr zugeschlagen werden sollen. Ja bekommt ihr denn gar nichts mit, was in Kiel passiert?
Bedauerlich ist sicher, wenn die Aussichtsplatz an der Nordmole wegfällt. Wobei ich da seit Jahren denke, dass ich es völlig unverständlich finde, dass das nicht ausgebaut wurde. Es ist ja so ein wenig ein Geheimtipp um den Verkehr an der Schleuse zu beobachten. Aber es gibt keine Terrasse und keinen befestigten Weg. Wie so oft in Kiel wurde da eine super Location eher versteckt als ausgebaut. Insofern mag das auch ein Grund sein, dass es jetzt ganz weg fällt. Denn da ist nicht wirklich etwas an Infrastruktur. Meine Hoffnung wäre, dass man zB in der Wik am Anlegepunkt der Kanalfähre mal etwas Netteres schafft.
Ersatz statt neues Quartier Holtenau-Ost
Meine größte Kritik an Holtenau-Ost war immer:
- zu teuer
- zu langwierig
- zu innenstadtfern
- Erschließung aufwendig und unökologisch
- “Filetstück” - Schöner Wohnen am Wasser
Also unterm Strich ein teurer Traum weit weg vom Kieler Zentrum. Und meine Überzeugung war immer schon, dass man Wohnraum und bezahlbaren Wohnraum in ganz Kiel schaffen kann, wenn denn der politische Wille da ist. Und nun soll nach dem Deal sogar MEHR Wohnungen entstehen (2.275) als zuvor, aber nicht nur in Holtenau. und Kiel erhält 9 Kompensationsflächen. Viele davon sind schon erschlossen. Das heißt unterm Strich: Es kann schneller gebaut werden. Also MEHR Wohnungen, die SCHNELLER fertig werden. Für alle, die ernsthaft daran interessiert sind schnell mehr Wohnungen in Kiel zu haben also eine gute Nachricht. Das Linkspartei und Bündnis für Bezahlbaren Wohnraum dagegen sind, finde ich an dem Punkt überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.
Aus einer antimilitaristischen Perspektive: Ja, aber nicht wenn man knappen und bezahlbaren Wohnraum beklagt. Keine Erschließungskosten heißt unter dem Strich ja auch: Billiger bauen ist möglich. Also sollte da mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen können!
Ja, das Traumstadtteil fällt weg. Aber das war aus meiner Sicht nie realistisch und entsprang eher einer sehr bürgerlichen Sichtweise sich ein Quartier zu schaffen, dass als Rückzugsort dient. Ähnlich wie der Anscharcampus oder die Alte Mu. Da stand auch nie bezahlbares Wohnen im Fokus. Aber eben interessant, dass es dann eben in Holtenau und Wik zu diesem Clash der Realitäten kommt.
Was bisher noch fehlt ist eine Summe, die die Stadt Kiel erhält. Ulf Kämpfer erzählte, dass die Bundeswehr sagte sie hätten Geld aber keine Zeit. Was dafür spricht, dass sie sich momentan nicht lumpen lassen werden. Das Ende eines neuen Quartiers Holtenau-Ost bedeutet auch:
- Freiwerdende Kapazitäten beim Stadtplanungsamt
- Schnellerer Abschluss von Bauprojekten auf den Kompensationsflächen
- Trotzdem sollen auch in Holtenau-Ost 700 Wohnungen entstehen
- Andere Stadtteile können von neuen Projekten profitieren. ZB in Gaarden, wo die Infrastruktur total runtergerockt ist.
- Der Deal kommt der Stadtkasse zu gute
- Nicht zuletzt wird Kiel natürlich auch profitieren, wenn die Bundeswehr eine Milliarde Euro in Kiel investiert
Noch ist es kein fertiger Deal, es fehlen da noch die Nullen, aber es wird sicher eine Entschädigung auch in Euros geben. Hoffentlich eher höher.
Ulf Kämpfer
Mit diesem Wochenende ist auch das Ende der Amtszeit vom bisherigen OB Kämpfer gekommen. Meine Bilanz ist gemischt. Ich würde sagen von der Reihe der frei gewählten Oberbürgermeister:innen war er bisher er Beste. Also Norbert Gansel und seine neoliberaler Ausverkauf kann man vergessen, reden wir gar nicht erst von Volquards und Gaschke. Und vergessen wir auch diesen Torsten Albig.
Davon abgesehen hätte ich da auch viel Kritik an ihm. Aber er hat auch viel Gutes angestoßen und ich fand auch gut, dass er meistens mit offenem Visier dialogbereit war und auch Fehler zugeben konnte. Sein größter Makel bleibt für mich, dass er zwei mal eine Bewerbung für die Olympiade unterstützt hat. Und er war mir oft zu zaghaft und schreckhaft bei der Mobilitätswende.
Und was das Wohnen angeht hat Kiel aktuell GAR KEIN Konzept, wie ich neulich festgestellt habe. Und Verwaltung und auch SPD-wohnungspolitischer Sprecher weigerten sich bisher darauf zu antworten. Das wäre so mein Wunsch an Yilmaz, jetzt auch im Blick auf das oben beschriebene, dass er da andere Schwerpunkte setzt, zB auf den Erhalt von Häusern und Wohnungen in Gaarden, die hier reihenweise abbrennen. Das man mehr die bestehenden Stadtteile stärkt und Lücken schließt und nicht mehr irgendwelche fernen Träumen nachjagt.